304 Zwanzigſtes Kapitel.
einem jedesmaligen Verſuch, eine Pirouette hervorzubringen, mit einem lauten Plumps auf den Boden fiel. Wie herzlich lachte die Kleine bei dieſen künſtleriſchen Beſtrebungen und wie unermüdlich drehte ſte den anderen Kindern die Füßchen aus⸗ wärts, und wie manche Thränen entfloſſen den Augen der bei⸗ den Fräulein Welſcher, da ſich die ſtrenge Mutter durch keine Bitte wollte bewegen laſſen, ihre beiden Töchter ebenfalls auf den Balletſaal zu geben!
Draußen auf dem Vorplatz war das große Bogenfenſter ebenfalls geöffnet, und die letzten Strahlen der untergehenden Sonne wetteiferten mit der rothen Gluth in dem Bügelofen, wer am beſten die dunkle Treppe zu vergolden im Stande ſei. Später ſaßen die Kinder draußen und ſchauten dieſem Farbenſpiel zu, bis es dunkler und immer dunkler wurde; dann giengen ſie in das Zimmer zurück, es wurde wie gewöhnlich zu Nacht gegeſſen, die Kleinen zu Bette gebracht, und die Kiliane überwachte das Nachtgebet derſelben. Marie mußte immer zweimal das Zeichen des Kreuzes machen, einmal wie die anderen Kinder und das andere Mal, weil ſte eine Tänzerin war; dann küßte die alte Büglerin ſie herzlich auf die Stirn, zündete ihr Laternchen an und ließ ſich von der Frau Welſcher aus dem Wandſchrank ihr rothgeſtreiftes Taſchentuch geben, in welches ſie zwei Hundert⸗ Guldenrollen eingeknüpft hatte.
„Laß' Sie doch das Geld da,“ ſagte die Waſchfrau, vich bin überzengt, daß morgen der Dubel kommt, der macht ſich ein Vergnügen daraus, es Ihr auf die Sparkaſſe zu beſorgen; was will Sie ſich damit herumſchleppen.
Doch die alte Kiliane ſchüttelte mit dem Kopf und ſagte: „Sie weiß, Frau Welſcher, daß ich meine Geſchäfte gern ſelbſt beſorge; ich werde morgen eine„Stunde ſpäter kommen und vorhin mein Kapitälchen beſorgen— oder darf ich vielleicht


