Teil eines Werkes 
1. Bd. (1851)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

302 Bwanzigſles Kapitel.

Nachdem nun die Beiden eine leichte Converſation mit der Wirthin gehalten, und nachdem der Stadtſoldat ſeinem Gevatter noch ſehr laut, deutlich und beſtimmt geſagt, er warne ihn hiemit zum letzten Mal vor allen böſen Streichen und erſuche ihn, ſich des Vagabundirens zu enthalten, auch ſich eine ſolide Arbeit zu ſuchen und damit ſein Brod ehrenhaft zu verdienen, ſetzte er ſeine Dienſtmütze auf und verließ das Zimmer. Der Gevatter ſcherzte noch einen Augenbliſf mit der dicken Wirthin, dann gieng er ebenfalls hinaus, ſpähte die Treppe hinauf und verließ ſchleichend das alte Kloſter.

Zwei Stockwerke höher, als das Gemach, welches wir ſo eben verlaſſen, in dem Zimmer der Frau Welſcher, herrſchte daſſelbe Leben und Treiben, wie wir es ſchon früher geſehen, nur mit dem Unterſchiede, daß ſich der Dubel nicht an ſeinem gewöhnlichen Platze, auf dem Tiſche befand, und daß die Luft heute viel reiner und angenehmer war, da der Bügeldampf zu dem geöffneten Fenſter hinausdrang und dagegen angenehme, freundliche Frühlingsluft hereinſpielte.

Die Kiliane ſaß wie gewöhnlich am Fenſter und ſchaute häufig von ihrer Arbeit zum Fenſter hinaus in die blaue Luft auf einen großen Kaſtanienbaum im benachbarten Hofe, der vor allen anderen Bäumen im Frühjahr ſeine ſaftigen grünen Blätter zuerſt trieb, da er auf einer Waſſerleitung ſtand und ſeine Wur⸗

zeln deßhalb ſanft befeuchtet wurden. Sie dachte an all die

Jahre zurück, die ſie ſchon verlebt, an all' die neuen grünen Blätter, die ſie ſchon entſtehen ſah, und daß es jetzt ſchon an ſechszig Jahre ſei, daß ſie vor eben dieſem Fenſter eben dieſen Baum zum erſten Mal grün werden ſah. Sie erinnerte ſich noch, wie man ihn gepflanzt, wie der alte Gärtner, der das beſorgt, längſt verſtorben, eben ſo deſſen Gehülfe und Lehrburſche, und wie all' die kleinen Buben, die damals