Teil eines Werkes 
1. Bd. (1851)
Entstehung
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* Unter dem Stadtgraben. 3 13

dem Gewölbe liegen blieb und daſſelbe noch feuchter und unbehag⸗ licher machte. Dazu pfiff der Wind von einer Seite, und die Straßenlaterne, die in der Mitte dieſes Durchganges hieng, ächzte kläglich hin und her. In dem kleinen Seitenhofe brach ſich der Luftſtrom und fuhr heulend und pfeifend, da er keinen Ausweg an den ſteinernen Mauern fand, in die Höhe und ins Freie. Kein Thier war auf der Straße oder im Gewölbe zu ſehen, und eine Katze, die eben von einem nachbarlichen Beſuche kam, eilte mit raſenden Sätzen über den kleinen Hof ins Kapuzinerkloſter, um ſobald als möglich ihren warmen Ofenwinkel zu erreichen.

Wer hätte nach allem dem glauben ſollen, daß in dieſem Gewölbe trotz des Unwetters eine Geſellſchaft menſchlicher Weſen, auf einem Stein neben der verwitterten Kloſterthür ſitzend, ruhig und unerſchüttert von Sturm und Regen auf etwas zu warten ſchien? Es mochten ſechs bis acht Frauen aus der niederen Volksklaſſe ſein, die dort neben einander kauerten, mit einem trübſeligen Schweigen, das nur zuweilen unterbrochen wurde durch einen abſichtlich ſehr laut ausgeſtoßenen Seufzer oder durch die Bemerkung, es ſcheine, als wolle der ganze Himmel mit all' ſeinen Waſſern auf die Erde herabkommen. Die Weiber waren ärmlich angezogen, ſie hatten unter ihre Umſchlagtücher Kopf und Arme verborgen und zitterten trotzdem vor Kälte und Näſſe; eine brennende Laterne ſtand in der Mitte vor ihnen und beleuchtete die abgemagerten und traurigen Geſichtszüge, und zeigte zu gleicher Zeit, daß vor jedem der Weiber auf dem Boden eine ebenſolche Laterne, aber unangezündet, nebſt einem kleinen blechernen Gefäße ſtand.

Dieſe Frauen waren nichts mehr und nicht weniger als Dienerinnen der Stadt, und hatten die wichtige Verkechtung, täglich die Straßenlaternen mit friſchem Oel zu verſehen und ſte anzuzünden. Das Oel wurde jeden Abend unter ſie ausgetheilt, und beim Eintreten der Dämmerung fanden ſie ſich zu dieſem Zwecke an gewiſſen Orten ein und verkürzten ſich die Zeit, bis