d. X
Unter dem Stadtgraben.
lieber einen großen Umweg, wenn man von einer Straße, welche in gerader Linie durch den Stadtgraben verbunden wurde, in die andere wollte. Die Bubenſchaar hatte ſich längſt einen anderen
Spielplatz ausgeſucht und ließ dem Unkraut und Strauchwerk freien Spielraum, welches ſich behaglich ausdehnte und dieſen Platz mitten in der Stadt höchſt unangenehm für das Auge machte. Endlich wurde dieſer Anblick den Vätern der Stadt uner⸗ träglich, auch war man des Platzes hier ſehr benöthigt, und ſo faßte man die großartige Idee, den alten Graben theilweiſe zu überwölben, anderntheils zu pflaſtern und den benachbarten Haus⸗
eigenthümern unentgeldlich kleine Stücke zu Hofraum und Garten
abzutreten.
Dieſer Durchgang, finſter und unheimlich, wie er war, ge⸗
hörte nicht zu den angenehmen Theilen der Stadt und war doch den
mittleren und ärmeren Volksklaſſen, die hier herum und nament⸗
lich in dem alten Kloſter wohnten, von großem Nutzen. Da
hatten Obstverkäuferinnen, vor dem Regen geſchützt, ihre Waaren aufgeſtellt, da befanden ſich kleine ambulante Bücher- und Bilder⸗
läden, und, wenn es draußen gar zu ſehr ſtürmte und ſchneite,
trieb auch wohl eine Knabenſchaar ihre lärmenden Spiele hier
und freute ſich an dem dumpfen Klang, mit dem ihre dünnen Kin⸗ derſtimmen von dem Gewölbe wiederhallten. 1 Der Eingang ins Kloſter war in demſelben frei gelaſſen worden und befand ſich an der Seite in einem kleinen melancho⸗ liſchen Hofe; hier ragten die von Alter geſchwärzten Mauern unendlich in die Höhe, und neue viereckige Fenſter wechſelten ab mit den alten gothiſchen des ehemaligen Kloſters; ein einſamer Streifen Epheu ſchlang ſtch dort hinauf, und wenn er auch wenig Sonnenlicht genoß, ſo hatte er deſto mehr Feuchtigkeit, denn die alten, ſeltſam geformten Dachrinnen mündeten alle in den kleinen Hof, und wenn es regnete, ſpie es eine wahre Sündfluth von Waſſer herab. Jedes der verſchiedenen Fenſter hier war anders verziert: an dieſem flatterte Wäſche an dünnen Seilen, an jenem


