Teil eines Werkes 
1. Theil, 2. Abt. (1858)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

308

Der Baron hatte mit theils erzwungener, theils erkünſtelter Ruhe den Brief zu Ende geleſen. Er war dabei immer bläſſer und bläſſer geworden. Als er fertig war, faltete er das verhängnißvolle Blatt zuſammen und ſteckte es in die Bruſttaſche. Dann hob er langſam den Kopf in die Höhe und ſuchte, wie ein Schüler, der ſich vor den Ermahnungen ſei⸗ nes Lehrers fürchtet, die Augen des Arztes auf. Die⸗ ſer ſtand mit hochathmender Bruſt vor ihm, auch er war bleich und ſtarr geworden. Er las den Gram, den Schreck, die Ueberraſchung in den eiſernen Ge⸗ ſichtszügen des gemarterten Vaters, darum zwang er, ſo viel er konnte, ſeine eigene Beſtürzung nieder und ſagte, mit Mühe ein Lächeln erheuchelnd:

Es iſt ja noch nichts Gewiſſes, Herr Baron!

Ha! ſchrie dieſer wild auf,nun wollt Ihr mich am Ende noch tröſten, Ihr, der mir zuerſt die ſchreckliche Frage entgegengehalten: Und wenn dieſe 20,000 Thaler nun verloren ſind? Laßt Eure Lröſtung bei Seite, guter Doktor. Heute ſage ich Euch, ſie ſind verloren, nicht 20,000, ſondern 40,000 und vielleicht noch mehr! Denn ein ſo lange mit Fü⸗ ßen getretenes Vaterherz, wie das meine, wenn es endlich aus dem Staube ſich erhebt und ſich die ſchrecklichſte Wahrheit, die es auf Erden giebt, einge⸗