Teil eines Werkes 
1 (1845) Ellen Middleton
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Ich entſinne mich nicht, vor meinem ſechſten Jahre für irgend Jemand eine beſondere Neigung gefühlt zu haben. Durch zufällige Umſtände wurde mit den Gouvernanten, deren Aufſicht ich anvertraut war, ſo oft gewechſelt, daß ich nicht Zeit fand, mich an eine unter ihnen mit beſonderer Vorliebe anzuſchließen. Was meinen Onkel betrifft, ſo hätte er ſich, glaub' ich, von Elmsley ganze Tage, ja Wochen und Monate entfernen können, ohne daß ich mich darum einſamer oder verlaſſener gefühlt hätte! Er ent⸗ fernte ſich in der Regel ſelten vom Hauſe, doch war er einſt drei Monate lang abweſend. Wenige Tage vor ſei⸗ ner Rückkehr eröffnete mir meine Gouvernante, daß er ver⸗ heirathet ſey, und daß ich bald meine neue Tante ſehen würde. Dieſe Nachricht machte mir weder Freude noch Kummer: Neugierde war das einzige Gefühl, mit der ich dem Tag entgegenſah, welchen alle Leute im Hauſe meines Onkels mit ſo lebhafter Ungeduld erwarteten. Sobald Miſtreß Middleton angekommen war, ward ich ſogleich zu ihr gerufen. Die gewinnende Anmuth ihres Benehmens, die liebkoſenden Worte, mit denen ſie mich empfing, die Rührung, welche ihre Züge verriethen, waren für mich eine ſo überraſchende, ungewöhnliche Erſcheinung, daß ich glaubte, es ſey ein Weſen aus einer andern Welt zu uns gekommen. Es lag etwas Himmliſches in dem Ausdruck ihres Angeſichtes, etwas ſo Originelles in ihrer Sprache, ſo Bezauberndes in ihrer Fröhlichkeit, die unwiderſtehlich anzog. Fühlte ſie Rührung oder Kummer, ſo entſtrömten unwillkürlich Thränen ihren Augen und benetzten ihre Wangen, ohne ihr Antlitz auf jene unangenehme Weiſe zu entſtellen, die ſich gewöhnlich beim Weinen kundgibt. Ich liebte ſie vom erſten Augenblicke an, wo ich ſie ſah, und mein jugendliches Herz ſchloß ſich mit der ganzen Gewalt des Gefühls an ſie an, welches während meiner erſten Lebensjahre in meinem Buſen ſchlummerte. Wie durch einen wunderbaren Zauber fühlten wir uns gleich beim erſten Anblick zu einander hingezogen. Meine Tante be⸗ durfte des Mitgefühls wie der Luft zum Athmen, und was ihr ſelbſt dringendes Bedürfniß war, gewährte ſie auch an⸗