26
ſchnell wie der Orkan uͤber den Ocean, fuhr durch dieſen ſtillen Geiſt eine Fluth von Leidenſchaft, zu gewaltig für die zarte Form, die von ihrer Heftigkeit erzitterte; ihre Augen ſprühten, ihre Bruſt hob ſich; über ihre Wangen, ihren Hals, ihre Schläfe rauſchte das dunkle Roth glühender Entrüſtung, und auf ihre Lippen kamen Worte ſo herb wie ihre Qual— ſo ſtark wie ihre Verzweiflung.
„Und was iſt eines Menſchen Wille?“ rief ſie mit krampfhafter Aufregung;„was iſt eines Menſchen Wille, daß er das trennen ſollte, was Gott vereinigt hat? kann der Athem ſeines Mundes, der Stirich ſeiner Feder—
ein teſtamentariſcher Wille! ein Wille! in Gottes Namen,
Mr. Warren, muß der Wille des Herrn oder der Wille des Menſchen die Oberhand behalten? Himmel, verzeih mir! ich weiß nicht, was ich ſage— mein Hirn ſchwindet.“
Sie fiel auf ihre Kniee, das Geſicht in ihre Hände begraben. Liebe und Angſt ſtritten mit dieſer unwilligen Leidenſchaft und in dem grimmigen Kampf zuckten alle Nerven, bebten alle Glieder, bewegten ſich alle Züge, Wie ein Schiff, das mit all ſeiner Gewalt den Wogen die Bruſt bietet, rang, kämpfte, ſtritt ſie mit dieſer graſſen Angſt und überwand ſie zuletzt. Als ſie ihr Haupt wieder erhob, hatte dieſe heftige Aufregung ſich gelegt. Das Schweigen, welches folgte, glich der Ruhe der Natur, wenn der Sturm ſich gelegt hat. Die Zeugen ihres tiefen Jammers, die Spuren ihrer bittern Seelenpein waren, wie die ſchwimmenden Balken eines Wracks auf der Ober⸗ fläche des ruhig gewordenen Oceans, noch erkenntlich in ihren trauervollen Augen und ihren wankenden Tritten. Aver das Licht des Himmels ſchien wieder auf die Waſſer der Betrübniß, und ſie ſchaute mit Heftigkeit auf ihren dunkeln Lauf. Sie drückte Mr. Warrens Hand, als ſie ihn verließ, und ſchrieb folgenden Brief an ihren Gatten:
„Ich will Dir wegen der Vergangenheit keine Vor⸗ würfe machen, und Dich nicht an Verſprechungen oder Verſicherungen erinnern, welche Dir ganz und gar nichts


