23
aus den Feſſeln einer Leidenſchaft, die keine würdige mehr war, zu befreien, rührten Adele.
Niemals verlangte man vergeblich eine Gutthat von ihr. Wie hätte ſie dem Bruder eine Bitte ver⸗ weigern können, die von Clara's Thränen und von Benno's Fürſprache unterſtützt wurde!
Das Mädchen in eine durchaus abhängige Stel⸗ lung zu verſetzen, widerſtrebte ihr; auch glaubte ſie nicht, daß Clara auf die Dauer ſich in einen fremden Willen ſchicken würde, obgleich ſich dieſe, in der erſten Rathloſigkeit der Hülfeſuchenden, zu Allem bereit er⸗ klärte. Für beide Theile ſchien es das Räthlichſte, Clara nicht aus ihrer früheren Lebensgewohnheit zu reißen, ſondern ihr in einer Familie einen geſicherten Platz und die nöthige Arbeit in Nähereien und Sticke⸗ reien zu verſchaffen. Vor einem Jahre hatte der Hof⸗ gärtner ſeine einzige Tochter, die Clara's Jahre ge⸗ habt, durch den Tod verloren; er wie ſeine Gattin wünſchten eine Stütze in der Haushaltung. Leicht brachte Adele zwiſchen ihnen und Clara eine Verbin⸗ dung zu Stande.
Noch zu keiner Stunde hatte ſie ihre That in den ſechs Monaten, die ſeitdem verfloſſen waren, zu bereuen gehabt. Die ſchönſten, ungetrübteſten Tage ihrer Jugend hatte Clara in einem großen Garten, zum Theil ſelbſt


