Hundertvierzehnter Brief.
Die Obriſt von Lichtfeld an ihre Schweſter.
Aus der Reſideuz, im Juni 18“*.
O. es iſt wahr,— die Tugend hat keinen Lohn auf Erden! Je ſtrenger ſte iſt, je tiefer drückt ſte uns ihre Dornenkrone in's Haupt, je mehr ent⸗ fernt ſie uns von dem gewöhnlichen Treiben der Menſchen, je mehr gibt ſie uns dem Schmerz preis und der Täuſchung, und zeigt uns, wie einſam die Höhe iſt, auf der ſie uns hinaufgeholfen hat.—
Du weiſt, wie hoch ich den Rittmeiſter hielt, wie ich ein Vertrauen zu ihm hegte, das viel von den Seligkeiten der Liebe hatte,— wie ſich meine Seele zu ihm neigte, im Gefühl ſeiner Vorzüge, ſeines Werthes. Mein Gefühl für ihn war leben⸗ dig, aber es gehörte nichts deſto weniger meinem
Angela IV. 1*
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