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gerichtet. Hermine verſchönt unſern Aufenthalt nicht allein durch ihre Geſellſchaft, ſondern auch durch Anordnungen aller Art, und ich glaube, daß ich noch vieles von ihr lernen werde, in Hinſicht des Geſchmackes und weiblicher Geſchicklichkeit. Mein Vater hält ſie ſehr werth, und das er⸗ höht meine Anhänglichkeit an ſie. Wir leſen, ſin⸗ gen, tanzen und ſprechen zuſammen, und erheitern durch unſere Munterkeit die ernſte Stirn meines Vaters. Täglich fühle ich mich glücklicher in Her⸗ minens Nähe,— und doch, wie ſeltſam, liebe Richardis! iſt dieſes Gefühl ſehr verſchieden von dem, das ich für Sie empfinde. Hermine ent⸗ reißt mich mir ſelbſt, und führt mich mit ſich fort in eine mir unbekannte Sphäre. Sie ließen ſich zu der Welt meines Herzens herab, und ſorgten für dieſelbe mit theilnehmendem Blick. An Ihrer Bruſt, Richardis, ruhte ſich's ſanft, das ſchüchter⸗ ne Vertrauen durfte ſich dorthin flüchten, jeder Gedanke, der meiner Seele entſtieg!
Gönnen Sie mir daher, meine Freundin, noch länger dieſen Platz an ihrem Herzen! Laſſen Sie mich ſtets zu Ihnen ſprechen offen und treu, wie ich's immer gewohnt war! Ach, ich habe ja keine Mutter mehr!— und mein Vater!— O, Richardis, nur die Mütter haben Sinn für die Angelegenheiten unſers Gemüthes! Darf ich denn


