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in unſern Häuſern. Aber lieben wir auch jene andere Schönheit die nicht im Geheimniß der Verhältniſſe liegt, ſondern in dem Geheimniß der tiefen menſch⸗ lichen Sympathie. Malet uns, wenn ihr könnt, einen Engel in herabwallendem veilchenblauem Ge⸗ wand, mit einem Geſicht das vom himmliſchen Lichte gebleicht iſt; malet uns noch öfter eine Madonna die ihr mildes Geſicht aufwärts richtet und ihre Arme öffnet um die göttliche Glorie zu bewillkomm⸗ nen; aber octroyiret uns keine äſthetiſchen Regeln, die jene alten rübenſchabenden Weiber mit ihren ſchwieligen Händen, jene plumpen Bauernlümmel die ſich in einer ſchmuzigen Bierſchenke verluſtiren, jene gebückten Rücken und dummen verwitterten Ge⸗ ſichter die ſich über den Spaten geneigt und die rauhe Arbeit der Welt verrichtet haben, jene Hütten mit ihren zinnernen Pfannen, ihren braunen Krü⸗ gen, ihren zottigen Kötern und ihren Zwiebelbüſcheln aus der Region der Kunſt verweiſen. Es gibt in der Welt ſo Viele von dieſen gemeinen plumpen Leuten die kein pittoreskes, kein ſentimentales Elend haben. Es iſt ſo nöthig daß wir uns ihrer Exiſtenz erinnern, ſonſt könnten wir ſie ja ganz aus unſerer Religion und Philoſophie weglaſſen und uns erhabene Theorien zuſammenzimmern die nur für eine Welt von Extremen taugen. Deßhalb möge die Kunſt uns immer an ſie erinnern; deßhalb wollen wir uns immer Männer wünſchen die mit liebenden Herzen die Mühe eines Lebens daran wenden ſolche alltäg⸗ liche Dinge hervorzuheben, Männer die in dieſen alltäglichen Dingen Schönheit ſehen, denen es Freude macht zu zeigen wie freundlich das Licht des Himmels


