65
ſah man nicht, denn dieſe ſtak in der Scheide, der eiſerne Griff aber zeigte eine zugleich elegante und einfache Form.
Schon ſeit mehren Minuten bewahrten Murray und ſeine Tochter, ihren Betrachtungen nachhängend, ein ſo tiefes Schweigen, daß man nichts hörte als den Schlag der Pen⸗ deluhr, dieſer damals noch faſt neuen Erfindung.
Plötzlich ſtand der Greis, welcher nur die langſame Be⸗ wegung der Zeiger auf dem Zifferblatte verfolgt zu haben ſchien, auf, und begann mit auf die Hand geneigtem Haupte in dem Zimmer hin⸗ und herzugehen.
»Dieſe Verzögerung verräth nichts Gutes,« murmelte er.»Während des Nachmittags ſollten Lady Lisle und ihr Sohn bei Jacob Stuart Audienz erhalten. Wie kommt es, daß Henry nach ſeinem Weggange von Whitehall nicht hier⸗ hergekommen iſt?«
Er näherte ſich der noch ſitzenden Lucy, legte ſeine Hand auf das Haupt des jungen Mädchens und ſagte:
»Waffne Dich mit Muth, mein Kind. Ich fürchte, Du wirſt deſſen ſehr bedürfen.«
»Der Muth mangelt mir nicht, mein Vater, und ich hoffe beſtimmt, daß Ihr Euch meiner nicht werdet zu ſchämen brauchen. Was auch Gott entſchieden haben möge, ſo werde ich mich ihm zu unterwerfen und mich des Vaters, der mich er⸗ zogen, würdig zu zeigen wiſſen. Ich erwarte Henry mit ruhi⸗ ger Faſſung.«
In dieſem Augenblicke ward an die Hausthür gepocht.
»O mein Gott, da kommt er!« ſtammelte Luch und drückte die Hand auf das plötzlich ſtürmiſch klopfende Herz.
Lord Lisle trat in das Zimmer. Sein Geſicht war tod⸗ tenbleich; ſeine ſonſt ſo ungezwungene Haltung befangen
Der Tiger von Tanger. III. 5


