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Vierundvierzigſter Brief.
Am 1. Auguſt, um fünf Uhr Morgens.
Ich habe zum letzten Mal die Sonne aufgehen ſehen. Nie iſt ſie ſo glänzend, ſo prachtvoll geweſen. Was liegt ihr an den Schmerzen dieſer armen Welt, welche ſie beleuchtet! Was liegt ihr an den Thränen, die ich vergieße und die das Papier benetzen! Ich brauche ſie nur zehn Minuten lang ihren Strahlen auszuſetzen, und ſie wird ſie getrunken haben, wie ſie den Thautropfen trinkt, der am Ende eines Grashalms zittert oder wie ein Diamant im Grunde eines Blumenkelches rollt.
Ich werde ſie nie mehr ſehen. Die für mich be⸗ ſtimmte Zelle geht auf einen von hohen Mauern um⸗ ſchloſſenen Hof; durch den Ausſchnitt einer Bogenwöl⸗ bung werde ich nur eine Ecke des Kirchhofs erblicken; ich werde darnach trachten, daß man mir dieſen Winkel für mein Grab bewilligt.
Man muß ſo nahe als moͤglich bei ſich haben, was man ſchleunig zu erreichen wünſcht.
Beten wir! 8


