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Damit war ich denn abermals auf den Punkt gerathen, auf welchen das Jahrhundert hinſteuerte, auf die Sehnſucht nach einer Verbrüderung und Verſtändigung, ſoweit von dieſer bei Illuſionen und bei Schwärmerei die Rede ſein konnte. Dubvis ſelbſt, ein ächter Schüler Rouſſeau's, war ein Schwärmer, aber ein Schwärmer mit erbittertem Scharfſinn. Seine Schickſale, das Gefühl heimathloſer Verlorenheit und eine Schule voll Erfahrungen hatten ihm dieſen Beigeſchmack gegeben. Er hatte den römiſchen Glauben nicht ab⸗ geſchworen, um im proteſtantiſchen einen Ruhepunkt und einen Halt zu finden, die Schule der Jeſuiten nicht durchgemacht, um ſich einfach abſchließen, befriedigen und gefangen geben zu können. Sein ganzes Sinnen und Trachten ging dem Probleme, den Mitteln und Wegen nach, dem Menſchengeſchlechte zu einer Wiedergeburt zu verhelfen. Seine Maurerei war nicht blos ein Syſtem von edlen ſchönen Gefühlen; er wollte helfen und retten. Er war kein Maurer, der ruhig zuſieht, ſondern einer, der den Bau der Welt in die Hand nimmt. Waren die Werkzeuge, mit denen er ſich befaßte, nicht die lauterſten: ſein Sinn war edel, und ſeine Vergangenheit hatte ihm keine andere Wahl gelaſſen. So viel war noch vom Jeſuitismus in ihm übrig geblieben, um mit Perſonen, die er ſelbſt gering achtete, die Loge zum neuen Jeruſalem zu ſtiften.
Für ihn hatte die Geſchichte der Völker aufgehört, die Geſchichte der Menſchheit begonnen. Und ſo ſehr er ein Geſchöpf des Rouſſeau'⸗ ſchen Geiſtes war, ſo wenig ſteckte er doch mit ſeinen Gedanken im Geiſte des Franzoſenthums. Schon Rouſſeau war Weltbürger, ſo weit der Franzoſe das zu ſein vermag. Dubois war herrſchſüchtig von Natur, aber nur, um ſeinen Ueberzeugungen Bahn zu brechen. Seine Gewandtheit, ſeine kluge Rückſicht war das Ergebniß herber Erfah⸗ rungen; bei angeborenem leidenſchaftlichem Sinne hatte er ſich eine ſeltene Selbſtbeherrſchung und Enthaltſamkeit erworben. Er ſchien kaum auf die Triumphe zu achten, die er täglich am Hofe zu Belle Promeſſe feierte; Alles richtete ſich nach ihm, der Reichsgraf gab ihm eine unbeſchränkte Vollmacht. Daß er ſich nach allen Seiten ſeine Poſition erſt ſichern wollte, bevor er ſich als Gouverneur mit mir befaßte, war offenbar. Erſt mit dem ſteigenden Gefühl der Sicherheit wuchs ſeine Luſt, ſich ganz ſo wie er war zu ergehen. Er ward gegen
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