Teil eines Werkes 
2 (1855) [Xaver Dubois]
Entstehung
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proteſtirt gegen jede Ausſchließlichkeit; ſie iſt nur inſofern chriſtlich, als ſie in Chriſtus einen Propheten, den edelſten Menſchen ſieht, der da ſprach, in ſeines Vaters Hauſe ſeien viele Wohnungen.

Damit ſchien ich abgefertigt. Ich fühlte mich verletzt, daß ein Mann, den ich liebte, den ich bewunderte, mich faſt gewaltſam über⸗ ſehen, auf mein Bedürfniß nach Hingebung, auf meinen Drang nach Aufklärung ſo wenig achten wollte. Im Geſpräche mit Anderen war Dubois mittheilſamer; aber er gefiel ſich mitunter in paradoxen Be⸗ hauptungen, zu denen die Luſt am Widerſpruch führte, und die er dann, in die Enge getrieben, mit einer gewiſſen Erbitterung glänzend vertheidigte. Er theilte nicht die Lehre der franzöſiſchen Enecyelopä diſten, aber er war Herr der Dialektik, womit jene Philoſophen das Keckſte beweiſen zu können glaubten.

In einer Unterhaltung mit den Theologen am Hofe hatte Dubvis die Behauptung aufgeſtellt, im Chriſtenthum ſei nichts neu. Dem Aufruhr, den dies Wort erregte, folgte die Aufforderung, ſich näher zu erklären. Von allen Seiten gedrängt, mußte ſich Dubois auf Sokrates zurückziehen, den er geradezu für einen keineswegs uneben⸗ bürtigen Vorläufer Chriſti erklärte. Sokrates, ſagte er, ſei der Erſte geweſen, der den ächten Gottesglauben und die ächte Philoſophie vom Himmel heruntergebracht, in das Leben der Menſchen, in ihre bürger liche Ordnung eingeführt und dieſe demnach einzurichten gelehrt habe. Chriſtus ſei in die Wüſte gegangen, um in ſich ſelbſt den ſtillen Punkt göttlicher Weisheit und Wahrheit zu finden. Sokrates ſei ſtundenlang mitten im Lärm des Marktes ſtillgeſtanden, ſtier vor ſich hinblickend, in ſich ſelbſt verſunken, als ſeien ihm Geiſt und Leib geſchieden. Da habe er Zwieſprache gehabt mit dem Dämon! ſagten die Alten. Dieſer Dämon war aber ein Geiſt des Guten, ein Geiſt Gottes, der Genius in ihm, der ihn abgehalten, Böſes zu thun. Kenophon und Platon, ſagte Dubois, laſſen ſchließen, dieſer Geiſt in Sokrates ſei providen⸗ tieller Natur geweſen, habe ſich bis zur Gabe der Prophetie geſteigert. In ſolchen Momenten, wo ihn der Geiſt beſchlichen, habe er Ent⸗ zückungen, Viſionen gehabt, die an Verklärung gränzten. Die reinſte Moral war der Inhalt, die edelſte humanſte Glückſeligkeit das Ziel ſeiner Lehre. Mitten in der verworrenen Welt, wo Neid, Haß und Tücke ſiegten, ſeines Gottes gewiß zu ſein: das ſei in Sokrates einfach,