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„Jedenfalls eine Neigung zu milderen Lebensformen, als man ihr bietet,“ ſetzte ich hinzu.„Wenn die Aufklärung des Verſtandes ſich mit allen Schreckniſſen der Barbarei waffnet, da kann es nicht Wunder nehmen, geht darüber ein Gemüth zu Grunde.“
„Und mit was für Mitteln,“ fragte Prinz Emil nach einer Pauſe,„haben Sie ſich der Kranken bemächtigt?“
„Mit keinen, die ein böſer Zauber bietet,“ ſagte ich,„mit der magnetiſchen Kraft in Blick und Hand. Wollen wir darüber ſchwei⸗ gen, Prinz; profane Köpfe möchten uns verketzern!“
Ich fühlte des Prinzen ſchweren, durchdringenden Blick, den er noch auf mir haften ließ, als wir am Eingang in den Ballſaal auseinandertraten. Der Tanz war nicht unterbrochen, aber die Feſt⸗ freude doch ſo ziemlich getrübt, ſo viel der Reichsgraf ſich auch Mühe gab, den ſeiner Tochter zugeſtoßenen Anfall zu ihren gewöhnlichen Anwandlungen zu rechnen. Der Leibarzt ſtattete ihm auch bald ganz beruhigenden Bericht über den feſten geſunden Schlaf der Patientin ab.„Daß mir ſo was paſſiren muß, ſo ein Nervenſpuk in meinem Hauſe!“ ſagte der Mann in ſeinem Zorn;„ich lieb' es ſchon nicht, daß Eins krank iſt; Gemüthskrankheiten ſind mir eitel Thorheiten!“— Er bedachte nicht, daß auch die Thorheiten zu den kranken Zuſtänden der Menſchen gehören.—„Hält man die fünf Sinne ſtramm,“ eiferte er,„ſo kann derlei dummes Zeug nicht vorkommen. Central⸗ punkt verrückt? Unſinn! Kopf oben, reines Blut, Auge klar, Magen arbeitſam: ſo kommt man ohne Anfechtung ſelbſt durch eine Welt voll Teufel! Das geſammte Frauenzimmer hat freilich ſeinen beſon⸗ dern Kram mit allerlei Functionen, und dann reden ſie auch noch von Nerven! Lieber Herrgott, wenn Sehnen und Knochen friſch ſind, was wollen da die Nerven anfangen?“
Der Prinz zog den Reichsgrafen bei Seite; ich weiß nicht ob er ihn von dem beſonderen Vorgang, der nur ihm und mir im Saale bekannt geworden war, in Kenntniß ſetzte. Vielleicht war er blos bemüht, das gewaltſame Einſchreiten des Medicus zu verhüten. Mir genügte das Bewußtſein, die Qual der aufgeſtörten Lebensgeiſter in ſanften Schlaf gelöſt zu haben. Ich glaubte zum erſten Mal an die Macht meiner Hand; aber ich verſchwieg das auch der Gräfin Tante und hoffte, Prinz Emil werde meiner Warnung eingedenk ſein.
D. V. V. Kühne, Die Freimaurer. 41


