Teil eines Werkes 
3 (1855) [Graf Guiseppe della Torre]
Entstehung
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Santa Maria, der Stamnſitz unſeres Hauſes, iſt auf dem Ab⸗ hange jener Hügelreihen erbaut, die ſich vom höheren Gebirge herab gemach in die Ebene verlieren. Unfern vom Bergſchloſſe liegt das uns zugehörige, uns gleichnamige Städtchen La Torre. Rückwärts reicht unſer Gebiet in's Ungewiſſe jener Felſenwelt hinauf, wo, wie man den Kindern ſagte, die Kobolde und die Ketzer hauſen. Beides ward dem Knaben ſchon früh als gleichbedeutend vorgeſtellt, der Pfarrer im Schloſſe und die alten Weiber im Hofe, Religionslehrer und Ammenmährchen ſchienen verbündet, meine junge Seele mit einem ſchickſalsvollen Glauben zu erfüllen, der mich ſchrecken und das Heil meines Lebens ſichern ſollte. Was aber ſchrecken ſoll, das reizt! Iſt das im menſchlichen Weſen allgemein gegründet? Oder war es nur für mein Geſchlecht eine verhängnißvolle Erbeigenthümlichkeit? Der Hang zum Widerſpruch ſaß in mir ſo feſt wie in vielen meiner Vor⸗ väter, von deren Lebensſchickſalen ich hörte. In den Hallen eines halb verfallenen Schloßtheiles ging der Geiſt der Urmutter des Hauſes um. Sie hieß im Munde des Volkesdie alte Waldenſerin. Sie konnte, flüſterte man ſich zu, im Grabe nicht ruhen, denn ſie ſei, obſchon römiſch bekehrt, getauft und eingeſegnet, doch im Grunde des Herzens nicht ganz Chriſtin geworden, habe nicht ganz dem Ketzerthume ihrer Brüder in den Bergen entſagt. Das ſei den Waldenſern eigen, ſagten die Leute. Wo man ſie gewonnen zu haben glaubte für das Heil, das die Mutter Gottes bietet, da fügten ſie ſich nur zum Schein, gaben ſich nur in der Betäubung gefangen, wenn ſie wie gläubig nieder⸗ ſanken, fromme Thränen vergoſſen und nach römiſcher Art die Kügel⸗ chen am Roſenkranz drehten. Wenn ſie ſich aber aufrichteten, waren ſie plötzlich wieder die Alten, hoben den gebeugten Nacken in die Höhe und wandelten wie verſtockte Heiden mit dem ganzen Trotz ihrer inne⸗ ren Unüberwindlichkeit unter uns Schafen der alleinigen Heerde des Herrn einher. Einige liefen gleich nach der Bekehrung ſpornſtreichs in die Berge zurück; Andere entwichen nach jahrelangem Verkehr mit uns und verließen dann eben ſo plötzlich die vollen Fleiſchtöpfe in den Städten, um daheim wieder in der kargen Wildheit der Wüſte ihr Weſen zu treiben. Man wußte von bekehrten Waldenſern, die über Nacht Haus und Hof, Weib und Kind verließen, um wieder freie Söhne der Berge und ihres angeborenen Glaubens zu ſein.