Erſtes Rapitel. Mormona, die Waldenſerin.
De finſtern Alpenthäler Piemonts ſind meine Heimath. Wohl muß ich ihn finſter nennen, den Geiſt, der dort umgeht, ſind gleich an die dunkeln Waldſchluchten, an die kargen Felſenhöhlen die ſüßen Gefühle meiner Jugend geknüpft. Es iſt ein ſeltſam geartetes Land, mein Piemont. Mitten in unfruchtbaren Gefilden ſtößt man auf kurze
Strecken, wo Blüthe und Frucht ein jähes, raſches Leben treiben 5 und mit einer Zauberpracht, wie der Kaktus, überraſchen, der für ſein ſaftiges Fleiſch, für das wunderbare Farbenſpiel ſeiner Blumen aus ſteinichtem Boden ſeine Nahrung ſaugt. So überraſchend ſind alle die Lieblichkeiten meines Landes, ganz dazu gemacht, den Wanderer zu ſchrecken, weil ſie mitten aus ödem Felsgerüll wie ein Räthſel aufſteigen. Hier und da drängt ſich ein ſchmales Thal zwiſchen ſteile Wände. Es lockt dich mit ſeinem dunklen Erlengrün immer weiter in eine geheimnißvolle Welt, wo du dem Quell des noch unberührten Lebens, dem Schacht der verſchloſſenen Tiefe dich zu nähern glaubſt, bis plötzlich ein wildes Bergwaſſer um die Felſenecke bricht, unver— muthet deinen Pfad überſchäumt und den geträumten Frieden ſtiller Verborgenheit in Nacht und Graus verſchüttet. Du mufßt fliehen, ſoll dich die Wildniß nicht verſchlingen. Du fliehſt und möchteſt doch von neuem in den Schooß jener Bergwelt zurück. So lockt und ſchreckt zu gleicher Zeit mein Piemont!
Und die Menſchen in den Thalſchluchten find nur deren perſön— lich gewordenes Weſen, deren lebendige Seele. Sie locken und ſchrecken dich; Jeder iſt zugleich dein guter und dein böſer Geiſt. Die ſtille Einfalt ihrer Sitten ſchützen ſie mit wildem Ungeſtüm. Die ſchäu⸗
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