Teil eines Werkes 
1 (1855) [Großvater Erlaucht]
Entstehung
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ten? Was iſt Religion anderes als Gottesverwirklichung! Und das Gebet hat dieſe magiſche Kraft, die Geiſterwelt ſo exiſtent zu machen wie die Körperwelt. Was in keines Menſchen Herz aufgeſtiegen iſt, das hat Gott Denen, die ihn lieben, bereitet. Siehſt du nicht die Seelen der Abgeſchiedenen dich umſchweben: nun ſo glaube, ſie könnten es. Halte dich ſo, als ob eine Heerſchaar ſeliger Geiſter dich in jedem Augenblicke ſieht und hört, auf allen Wegen und Stegen dich begleitet! Ich glaube an eine Gemeinſchaft der Heiligen, ich glaube an die Allgegenwart Gottes, ich glaube, daß der Herr ſelbſt noch auf Erden wandelt, daß er am Arme ſeines Lieblings Johannes die Hütten der Armen, das Lager der Leidenden beſucht. Ich glaube, daß er allezeit bei uns iſt, wo Drei in ſeinem Namen verſammelt ſind; ich glaube, daß ſein Athemzug uns im gegenwärtigen Augenblicke umgibt und mir die Kraft verleiht, Euch zu ſegnen, Ihr Männer, lieben Brüder im Herrn, Ew. Erlaucht jugendlich Herze zumal!

Er war bei den letzten Worten, die er ſprach, auf mich zuge⸗ ſchritten, hatte die Hand auf meinen Scheitel gelegt, und wie ich aufblickte, leuchtete ſein ſchönes Auge im Verklärungsglanz. Es war eine bange Stille im Gemach, als wenn ein Engel ſeinen Fittich entfaltete; der Zweifel, der Unglaube regte ſich nicht. Santt Lavatus ſah ruhig auf uns herab. Sein mildes Lächeln erſchien wie ein Triumph der guten Sache. Er ſegnete mich noch einmal, drückte dem Reichsgrafen, der ſtumm und ſtill für ſich ſaß, die Hand, und ſchied in dieſer feierlichen Stimmung, die er heraufbeſchworen, und die er in uns zurückließ. Nach einer Pauſe von mehreren Minuten ſagte der Großvater für ſich hin:Sehr lieber, edler und ſanfter Mann das, ein rechter Apoſtel für das Gemüth, für die Schwachen und Hülfsbedürftigen. Aber es kann doch zur Schwärmerei und Selbſt⸗ täuſchung führen!

Am andern Morgen beſuchten wir in Zürich die Krankenanſtalt, die mit dem Waiſenhauſe in Verbindung ſtand, und in der Lavater ebenfalls die Seelſorge hatte. Großvater Erlaucht machte gern zum Beſten ſeiner heimlichen Anſtalt Studien. Er freute ſich über die ſchweizeriſche Reinlichkeit und dictirte, während wir durch die Kranken⸗ ſäle wandelten, ſeinem Adjutanten allerlei Notizen in's Tagebuch. Der kleine Medicus, der uns führte, war ihm mit Eifer dazu behülflich. Wie