Teil eines Werkes 
1 (1855) [Großvater Erlaucht]
Entstehung
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den Allerbarmer zu glauben; in die menſchenleere Stille flüchtet ſich nur ein müdes zerſchlagenes Herz. Das erſte Gebet des Menſchen war ein Stoßſeufzer; nur in der Angſt der Seele wird die Ahnung möglich, daß ein Geiſt über uns die Welt regiert und alle Unbill ſühnt. Als ich ein betagter Menſch die Stätte meiner erſten Kindheit wieder betrat, ſuchte ich ein Grab und fand es nicht mehr. An der Waldecke war ein liebes, lichtes Plätzchen. Farren⸗ kräuter und wilde Balſaminen ſtreiten ſich um die Stelle; die hohen Stengel der goldblumigen Arnica ragen über die grüne Matte hin⸗ weg. Dort auf dem kleinen Vorſprung am Saume des Dickichts hatten ſie, das wußt' ich, die Gebeine der theuerſten Perſon meines Lebens zur Ruhe gelegt. Statt des grünen Hügels fand ich einen künſtlichen Tempel mit Säulen und himmelblauer ſternbemalter Kuppel. Meine Mutter war nachträglich in der Familiengruft unſeres Hauſes beigeſetzt worden. Der Tempel über ihrem erſten Grabe war nichts als ein Zeugniß, daß Diejenigen, die ihren frühen Tod beklagten, Urſache hatten ihr Gewiſſen zu beruhigen, die Manen der Geſtorbenen zu ſühnen; es war nur ein kalter prunkender Nothbehelf für die Liebe, die man ihr im Leben ſchuldig geblieben.

Einem alten, zur R eſetzten Prediger und ſeiner wirthlichen Ehehälfte war in jenem en Jagdhauſe die Pflege meiner erſten Kindheit anvertraut. De arrer war ein trockner, regelrechter Mann. Er war fromm, trieb die Frömmigkeit wie ein gewohntes Handwerk. Er war Gefühlsmenſch; ſonſt hätte ich in jener Einöde wohl leicht zum Schwärmer werden können. Der Mann gehörte zu jenen Verſtändigen, die ruhig und ſchlicht über Alles Antwort geben, ohne erſt die Fragen darüber abzuwarten. Sie erläutern die Weltordnung wie ein einfaches Rechenexempel, löſen alle Räthſel ohne erſt ein Bedürfniß für die Löſung zu erwecken, erklären Gott um mit ihm fertig zu ſein. Er trieb Botanik, ſam⸗ melte viele Kräuter und hielt mich dazu an, ohne eine Neigung für die Pflanzenwelt in mir zu erwecken. Es gibt Menſchen, die in einer Wieſe nur das Futter, im Walde nur das Brennholz, im Granitfelſen nur Chauſſeebaumaterial ſehen. Ich lernte Latein bei ihm und brachte es bald bis zum Ovid und ſeinen Metamorphoſen; er erklärte mir dabei die Naturgeſchichte und die alte heidniſche Götter⸗