Erſtes Rapitel. Eine Waldidylle.
W erſte Kindheit war eine verſteckte, geräuſchloſe Wald⸗ idylle. Daß ich dem Zeitalter der Perrücke angehörte, erfuhr ich erſt, als die Stille meines erſten Daſeins gewaltſam durchbrochen wurde. Ein Hauch tiefer Einſamkeit umwehte das halb zerfallene Jagdhaus, das ſelbſt zur Förſterei nicht mehr tauglich ſchien. Wie ein grüner Mantel umzogen die rings bewaldeten Höhen das weiche, warme, vor jedem Wind geſchützte kleine Keſſelthal. Haus und Gehöft lagen an einem See. Ein See, von Wald umrauſcht, iſt wie das Auge in der Landſchaft. Aber der Himmel wollte ſich nicht ſpiegeln in dieſem See. Sein Spiegel war erloſchen und getrübt, ſein Waſſer verſumpft, ſein Ufergrund mit Schlingkraut überwuchert. Der Buchwald im Thal wechſelte mit kräuterreichen Wieſen voll jener blühenden Silberdolden, wie ſie die große Hirſchwurz trägt; aber kein Geläut der Heerden drang bis in die blöde Stille meiner einſamen Verlaſſenheit. Der Wald deckte mit ſeinem Buchengrün wie ein Schirm Haus und Hof, aber man begriff nicht was hier zu beſchirmen war, man kannte den Schatz nicht, der hier in dieſer Verborgenheit gehütet wurde. Sümpfe und ſtruppige Wildniß er⸗ ſchwerten den Verkehr mit dem nächſten Dorfe, ringsum war kein Weiler mit Höhenrauch; nur von Jahr zu Jahr kamen zweimal die Mäher, ſchnitten und heimſten ein; in noch längeren Friſten ward geholzt im Walde. Hatte man ſich durch Moor und Geſtrüpp auf ſchmalen Fußpfaden bergan eine Stunde weit Bahn gebrochen, ſo traf man erſt auf regelmäßige Spuren menſchlicher Thätigkeit. Meilen⸗ weit um uns her war undurchdringliche Dämmerung. Ein einſam 1


