Der Kanzler ſuchte der Form wegen in dieſen Meu⸗ bels, aber er wußte wohl, daß die Königin den Brief, welchen ſie am Tage geſchrieben, nicht in einem derſelben verſchließen würde.
Nachdem der Kanzler zwanzigmal die Schubladen des Secretärs geoffnet und wieder verſchloſſen hatte, mußte er, wie ſehr er auch zögerte, mußte er, ſage ich, mit ſei⸗ nem Auftrage zu Ende kommen, das heißt, die Königin ſelbſt durchſuchen. Der Kanzler rückte gegen Anna von Oeſterreich vor und ſagte mit äußerſt verlegenem Tone und verwirrter Miene:
„Nun habe ich noch die Hauptdurchſuchung vorzu⸗ nehmen.“
„Welche?“ fragte die Königin, die nicht begriff oder vielmehr nicht begreifen wollte.
„Seine Majeſtät weiß gewiß, daß heute ein Brief von Euch S worden und daß derſelbe noch nicht an ſeine Adreſſe abgegangen iſt. Dieſer Brief findet ſich weder in Eurem Tiſche noch in Eurem Secretär, und
doch iſt er irgendwo.“ „Solltet Ihr es wagen, Hand an Eure Königin zu
legen!“ rief Anna von Oeſterreich, ſich hoch aufrichtend und einen Blick auf den Kanzler heftend, deſſen Ausdruck
beinahe drohend wurde.
„Ich bin ein getreuer Unterthan des Königs, Ma⸗ dame, und Alles, was Seine Majeſtät mir befiehlt, werde ich thun.“
„Wohl, das iſt wahr,“ ſprach Anna von Oeſterreich, „und der Herr Cardinal iſt von ſeinen Spionen gut be⸗
dient worden. Ich habe heute einen Brief geſchrieben und
dieſer iſt noch nicht abgegangen. Hier iſt der Brief.“ Und die Königin legte hiebei ihre ſchöne Hand an den Lelb. „Dann gebt mir hieſen Brief, Madame,“ ſprach der
Kanzler. erde hn nur dem Fu ge m Herr,“ Anna.


