192 Jungfrau von Orleans.
lige. Endlich wurden noch ehrwürdige Matronen und gelehrte Doctoren der Arzneikunde zu Johanna in's Gefängniß geſchickt, um ſie wo möglich einer Unkeuſch⸗ heit zu überführen, aber die Unterſuchenden erklärten ins⸗ geſammt, daß ſie eine reine Jungfrau wäre; daraus folgte aber, daß ſie kein Bündniß mit dem Teufel geſchloſſen hatte, weil die Kirchenordnung beſtimmt erklärte, daß der Teufel mit einer Jungfrau kein Bündniß ſchließen könne.
Da alle bisherigen Verſuche, etwas auf die Verhaßte zu bringen, an ihrer Tugend und Geiſtesgegenwart ge⸗ ſcheitert waren, ſo ſuchte man ſie in gelehrte theologiſche Spitzfindigkeiten zu verſtricken. Schon von Lohſeleur liſtig darauf vorbereitet, daß ſich der Kirche unterwerfen ebenſo viel wäre als den aus ihren Feinden zuſammen⸗ geſetzten Gerichtshof anerkennen, trug man ihr jetzt ſo ſubtile Unterſchiede zwiſchen der ſiegreichen Kirche im Himmel und der ſtreitenden Kirche auf Erden vor, daß man ſie ohne ihr Wiſſen zu dem gefährlichen Ausſpruch vermochte, ſie gedenke ſich an die ſiegreiche Kirche zu hal⸗ ten und nicht der ſtreitenden zu unterwerfen. Da ſie nun ferner ihre Mannskleider im Gefängniſſe beibehielt, um ſich beſſer gegen die Rohheiten ihrer Wächter vertheidigen zu können, welche von ihrer Jugend und Schönheit an⸗ gelockt oder auch wohl vom Herzog von Vedford an⸗


