„Ei! allerdings, für Dich,“ ſagte Nicole.„Bei Gotti Du haſt genug an Andere gedacht, es iſt Zeit, daß Du an Dich denkſt!“
„Sie hören,— ſie ſpricht wie der heilige Johan⸗ nes Chryſoſtomos*). Erinnern Sie ſich wohl, Herr von Beauſire, jede Sache hat eine gute und eine ſchlimme Seite: gut für die Einen, ſchlimm für die Andern; eine Angelegenheit, welche es auch ſein mag, kann nicht ſchlimm für Jedermann oder gut für Jeder⸗ mann ſein; nun, es handelt ſich einzig und allein da⸗ rum, daß man ſich auf der guten Seite findet.“
„Ah! ah! und es würde ſcheinen, ich ſei nicht auf der guten Seite?“
„Nicht ganz, Herr von Beauſire; nein, entfernt nicht. Ich füge ſogar bei, daß, wenn Sie hartnäckig hiebei bleiben,— Sie wiſſen, ich miſche mich in das Prophetenthum,— ich füge ſogar bei, daß Sie, wenn Sie hartnäckig hiebei bleiben, diesmal nicht Ihre Ehre, nicht Ihr Vermögen in Gefahr ſetzen werden, ſondern Ihr Leben. Ja, Sie würden wahrſcheinlich gehenkt!“
„Mein Herr,“ erwiederte Beauſire, welcher ſeine Faſſung zu behaupten bemüht war, indeß er den Schweiß abwiſchte, der von ſeiner Stirne floß,„man henkt einen Edelmann nicht.“
„Das iſt wahr; doch um es dahin zu bringen, daß man Sie köpfen würde, lieber Herr von Beauſire, müß⸗ ten Sie Ihre Ahnenproben machen, was ein wenig lange dauern würde, lange genug, um das Tribunal ſo verdrießlich zu ſtimmen, daß es wohl proviſoriſch befehlen könnte, Sie ſollen gehenkt werden. Hiegegen werden Sie mir bemerken, wenn die Sache ſchön ſei, liege we⸗ nig an der Strafe. Das Verbrechen macht die Schande und nicht das Schaffot, hat ein großer Dichter geſagt.“
6. Goldmund.


