Teil eines Werkes 
Denkwürdigkeiten eines Arztes : [Erste Abteilung] : 25.-27. Bändchen (1848) Mémoires d'un médecin
Entstehung
Einzelbild herunterladen

190

Während aller dieſer inneren Spaltungen der Fa⸗ cultät, der Familie und der Parteien quartierte ſich die Krankheit bequm in dieſem gealterten, abgenutzten, durch die Schwelgerei verdorbenen Körper ein; ſie befeſtigte ſich darin dergeſtalt, daß weder Mittel, noch Verordnungen ſie daraus verjagen konnten.

Schon bei den erſten Anfällen des Uebels, das von einer Untreue von Ludwig XV. herrührte, zu der Madame Dubarry gefällig die Hand gereicht hatte, ſah der Koͤnig um ſein Bett her ſeine beiden Töchter, die Favoritin und

die am meiſten in Gunſt ſtehenden Höflinge ſich verſam⸗

meln. Man lachte noch und unterſtützte ſich.

Plöͤtzlich erſchien in Verſailles das ſtrenge und düſtere Geſicht von Madame Louiſe von Frankreich; ſie verließ ihre Zelle in Saint⸗Denis, um ihrem Vater auch Troſt und Pflege zu ſpenden.

Sie trat bleich und finſter ein, wie die Bildſäule des Verhängniſſes; es war nicht mehr eine Tochter für ihren Vater, eine Schweſter für ihre Schweſtern; ſie glich den Prophetinnen des Alterthums, welche an den unheilvollen Tagen des Mißgeſchicks erſchienen und den verblendeten Königen zuriefen: Wehe! wehe! wehe!

Sie ſiel in Verſailles zu einer Stunde ein, wo Lud⸗ wig die Hände von Madame Dyubarry küßte und ſie wie ſanfte Liebkoſungen auf ſeine kranke Stirne, auf ſeine ent⸗ flammten Wangen legte.

Bei ihrem Anblick entfloh Alles, die Schweſtern flüch⸗ teten ſich in das anſtoßende Zimmer, Madame Dubarry beugte das Knie und lief in ihre Wohnung, die bevor⸗ zugten Höflinge wichen bis in die Vorzimmer zurück, die zwei Aerzte allein blieben an der Ecke des Kamins.

Meine Tochter! murmelte der König, indem er ſeine durch den Schmerz und das Fieber geſchloſſenen Augen öffnete.

Ihre Tochter, ja, Sire.

Sie kommt...

Im Auftrage Gottes?