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Fahrt von mehreren Tagen die Reiſenden in dem bekannten Städtchen am Rheine anlangten, eilte Edmund ſggleich zu dem befreundeten Arzte, um hier den von Cäcilien angedeuteten Aufſchluß zu erhalten. Erſt nach Mitternacht kehrte er zurück. Seine Mutter hörte ihn bis gegen Morgen im Ne⸗ benzimmer auf⸗ und niederſchreiten. Als er bei'm Frühſtücke erſchien, kam er ihr ganz verändert vor. Er war in der einen Nacht männlicher geworden, ein beſtimmter Ernſt ruhete auf ſeiner Stirn, aus ſeinen Zügen ſprach der Friede einer Entſagung, der den Anſprüchen auf Freuden dieſer Welt ihre Grenze geſetzt hatte.„Mutter,“ ſagte er in einem feierlichen Tone und ergriff die Hand der Frau von Nordeck,„wir haben eine Heilige in unſerer Familie. Nie ward die Martyrerkrone edler errun⸗ gen, als durch Cäcilien. Sie iſt für ihre Mut⸗ ter geſtorben. Ihre Naͤhe, ihre Pflege brachte die⸗ ſer Geſundheit und Leben, ihr ſelbſt aber den Tod. Dieſe wunderbare Wechſelwirkung gehört zu den Geheimniſſen, welche die Natur von Zeit zu Zeit in's Leben ruft, um den Menſchen ihre Kurzſich⸗ tigkeit, ihr Unvermögen, ſie zu ergründen, empfin⸗ den zu laſſen*). Cäcilia wußte es, der Arzt
**) Das Beiſpiel einer ſolchen Wechſelwirkung hat der
Verfaſſer in einer ihm befreundeten Famillie ſelbſt erlebt.


