Teil eines Werkes 
2. Bändchen (1854)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

202

als Kienholzanni. Der Hausherr ſelber war von Alters her gewohnt, aus Tag Nacht und aus Nacht Tag zu machen, denn ſein Gewerbe, nämlich nicht das Kübeln, ſondern das Freveln, Aief am beſten in mondhellen Nächten. Liſi und Bethi hatten auch noch keinen genügenden Grund gefunden, aus dem Federbett zu ſchlüpfen, da für ſie keineswegs die Morgen⸗ ſtunde, ſondern vielmehr umgekehrt die ſpäte Abendſtunde Gold im Munde führte.

Was Kienholzanni heute extra früh aus den Federn ge⸗ trieben hatte, war eigentlich nicht die Sorge um ihren Bohnen⸗ plätz oder ihren Flachs geweſen; denn gleich ihren Töchtern, die nicht ſpannen und nicht ſtrickten und dennoch einhergingen gleich den Lilien des Feldes, ſo folgte auch die Mutter dem ſalomoniſchen Spruch; ſie ſäete nicht und erntete nicht und doch war die rußige Küche im Galgenhölzli in der Regel beſſer beſtellt, als in manchem ſtattlichen Bauernhaus, wo die Bäurin ſich von früh bis ſpät keine Ruhe gönnt ihren Pflanz⸗ plätzen zu liebe und in deſſen geräumigem Schornſteinſchooß die Seiten und Schinken von mindeſtens zwei Dreizentnerigen hangen. Der Grund des Frühaufſtehens beſtand vielmehr in einem Extrakurrier der Lebkuchenfrau beim Thor, der ſchon in frühſter Frühe die dringliche Botſchaft gebracht hatte, der Lumpenkübler ſolle ja nicht fehlen, ſich ſogleich auf den Weg zur Stadt zu machen, um ſich beim Herrn Notar Nehrlich einzufinden, der ihm etwas dringendes mitzutheilen habe. Da nun der Lumpenkübler noch am ausſchlafen ſeines geſtrigen Rauſches war, da Ehegatten keine Geheimniſſe vor einander haben ſollen, da ſich Kienholzanni als das natürliche alter ego des Lumpenküblers betrachtete und insbeſondere da daſſelbe äußerſt neugierig war zu erfahren, was der Herr Notar ſo preſſantes zu berichten habe, ſo ließ es den Gemahl vor⸗ läufig fortſchnarchen, bereiteteé ſich einen guten Kaffee ſammt

*) Eierdätſch= Cierkuchen.