Teil eines Werkes 
2. Bändchen (1854)
Entstehung
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Liſi war längſt mürriſch und unverrichteter Sache heim⸗ gekehrt, hatte den fremden Engländer nirgends mehr ge⸗ funden. Unterdeſſen war es tiefe Nacht geworden. Das dünne unſchlittlicht beleuchtete mit düſterer röthlicher Flamme das verwogene Verbrechergeſicht des Meerkrebſes, die wallenden weißen Haare des Apoſtelkopfes, die ſchlaue Phyſionomie des Schalkes Poveretti, die irren unheimlichen Züge der verrückten Waldgreth, Kienholzanni's braune Runzeln, das röthlich ſtrah lende, wie der Wald im Lenze knoſpende Antlitz des Lumpen küblers, während Bethi und Liſi, welche ihren zerknitterten Putz noch nicht abgelegt hatten, in dämmerigem Zwielicht auf dem Ofenſitz eingeſchlafen waren.

In einem andern Winkel der Stube lag auf bloßem Boden ein einfacher Laubſack. Durch ein ſcheibenloſes Fenſter ſchien der helle Vollmond darauf. Da lag Rudeli ſchlummernd ausgeſtreckt. Blendendweiß erſchien im Mondlicht die breite, wolkenloſe von braunen Locken beſchattete Kinderſtirn. Ein Bild bewußtloſer Unſchuld, künftiger Kraft und geiſtigen Ritter⸗ thums lag der Knabe da unter den Gaunern in der Bettler⸗ ſtube.

Das war freilich dem Kinde nicht an der Wiege geſungen worden, daß es einſt neben den Kutſchen fremder Herrſchaften werde das Radſchlagen und auf der Landſtraße Dünger auf⸗ leſen müſſen. Es war der Sprößling eines jungen, glücklichen, im Ueberfluß lebenden Paars. Zwei plötzliche Gewitterſchläge hatten unvermuthet das Gebäude des Glücks dieſer drei Men⸗ ſchen zertrümmert. Der Mann fallirte, die Frau ſtarb. Rudeli's Vater theilte den kleinen Reſt ſeiner Habe in zwei Theile. Mit der einen Hälfte zog er nach Amerika, um ein neues Glück zu ſuchen. Die andere Hälfte vertraute er ſammt dem Kinde ſeinem Geſchäftsfreunde, dem Notar Nehrlich an, dem beſtbeläumdeten Manne der Stadt, mit dem Verſprechen und Vorſatz, alle ſeine Kräfte auf's äußerſte anzuſpannen, um mindeſtens ſo viel zu erwerben, dem Knaben eine ſorgfältige