Teil eines Werkes 
2. Bändchen (1854)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

*

7

Geißen im Vermögen hat; auch ſpotten ſie, Aenneli habe rothes Haar; iſt aber nicht wahr, s'iſt braun wie Nußbaum⸗ holz und hat nur ſo einen röthlichen Abglanz, wenn die Sonne darauf ſcheint. Ich könnte unter reicheren und hüb⸗ ſcheren ausleſen, meinen ſie. Aber ſeit ich in die heiterblauen Augen geguckt, welche glänzen wie zwei Leuchtwürmer unter einer Holderſtaude, da mag ich gar keine andere. Und iſt auch das Aenneli in einer der mindeſten der braunen Hütten daheim, die wie Schwalbenneſter an dieſen Bergen kleben, und trägts gleich nur einen dünnen braunen Kittel und hütet die Geißen, ſo iſt doch was beſonderes an ihm. Sähet Ihr das Aenneli einmal oben auf den Flühen ſitzen und ſo in Gedanken über das Thal wegſchauen, Ihr müßtet ſelber fin⸗ den, es ſtecke ein ſo vornehmes Weſen in ihm, daß man meinen möchte, die reichſten Bauerntöchter des Siebenthals, denen an jedem Finger eine fette Alp hängt, wären faſt zu ſchlecht, dem Aenneli als Mägde zu dienen.

Ich fragte, warum Aenneli den Meien nicht herabgewor⸗ fen habe. Der Burſche erwiederte etwas verlegen, er habe es bei dem Mädchen noch nicht weiter gebracht, als daß es ihn kommen und gehen laſſe, wohl verſtanden, ſo lange die Sonne am Himmel ſtehe. Samſtag Nachts an das Gaden⸗ fenſter zu klopfen, das gehe noch nicht an. Das Aenneli ſei eben nicht wie andere Mädchen. Am liebſten gehe es mit ſeinen Geißen ganz allein, entweder an einſame verborgene Oerter, oder hoch hinauf auf die Flühe, wo man weit über das Thal wegſchauen könne. Dort ſinne es dann den alten Geſchichten des Siebenthals nach von den zerfallenen Burgen und den alten Klöſtern; die wiſſe es alle auswendig, oder wenn es meine ganz allein zu ſein, ſinge es auch zuweilen Lieder nach alten wunderlichen Weiſen.

So war ich alſo der Vertraute der Herzensangelegen⸗ heiten meines Führers geworden. Indeſſen gingen wir wieder etwas abwärts, der Wald wurde lichter und es öffnete ſich

*