Teil eines Werkes 
5./6. Th. (1844)
Entstehung
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Aber die Prophezeiung des Pater Cartault wollte durchaus nicht in Erfüllung gehen und der Segen des Himmels ſich auf das Haus der Frau Legrand nicht herablaſſen. Unaufhörlich traten Un⸗ fälle ein, die Derues Eifer und Pflichttreue weder vermeiden, noch gut machen konnte. Er begnügte ſich aber nicht mit einer zur Schau getragenen müßigen Scheinheiligkeit, und die ſchändlichſten ſeiner Betrügereien waren keineswegs diejenigen, welche er ſich bei hellem Tage erlaubte. Derues wachte jede Nacht; ſein ſelt⸗ ſamer, wie es ſchien keinem der gewöhnlichen Geſetze des Baues unterworfener Körper, fühlte das Bedürfniß des Schlafes gar nicht. Er tappte mit der Geſchicklichkeit eines vollendeten Diebes umher, brach Thüren und Schlöſſer, Keller und Waarenlager auf und begab ſich in fremde Stadtviertel, um ſeine Beute zu ver⸗ kaufen. Man begreift es kaum, wie ſeine Kräfte zu den Anſtren⸗ gungen eines gleichſam doppelten Daſeins ausreichten. Er war kaum mannbar geworden, und noch dazu hatte die Kunſt ſeiner trägen Entwickelung der Natur nachhelfen müſſen*). Aber er lebte

*) Man hat behauptet, Derues ſei ein Hermaphrodit geweſen. Soviel ſteht feſt, daß die Merkmale ſeines Geſchlechts erſt im 22. Jahre, und zwar nur durch eine Operation, bei ihm zum Vorſchein kamen. Sollte dieſe Erſcheinung nicht vielleicht eine theilweiſe Erklärung geben für ſeine ganz unglaubliche Verderbt⸗ heit? Dies wäre eine intereſſante phyſiologiſche Frage, deren Be⸗ antwortung man von der Wiſſenſchaft zu verlangen hat. Er ſtand in vieler Beziehung außerhalb der körperlichen Entwickelungsgeſetze. Ihm waren Gefühle, ihm war ein Verlangen, eine Leidenſchaft, wenn man will, gänzlich unbekannt, welche ſich ſonſt bei allen Erwachſenen finden, und der Raum, den dieſe in der Seele ge⸗ wöhnlicher Menſchen einnehmen, war bei ihm ganz und gar ſeinen bösartigen Trieben überlaſſen, welche ohne Gegengewicht und ohne Zerſtreuung ununterbrochen und darum allmächtig auf ihn einwir⸗ ken mußten. Hieraus erklärt ſich vielleicht der gänzliche Mangel an Reue, dieſe unverbeſſerliche Heuchelei, welche ſich ſelbſt da noch nicht verleugnet, als ſie Niemand mehr täuſchen kann.