73
Grundes bedarf es nicht, um ihr meine höchſte Gunſt zu Theil werden zu laſſen.
So verhält ſich's mit dem tauben Herrn. Ich kann jetzt ſeine Geſtalt hervorrufen, wie ſie, in be⸗ ſcheidenes Grau gekleidet, in der Kaminecke ſitzt. Wenn er den Rauch aus ſeiner Lieblingspfeife pafft, wirft er mir einen Blick zu, übervoll von Herzlichkeit und Freundſchaft, und erzählt mir mit frohem Lä⸗ cheln die freundlichſten und gemüthlichſten Dinge; dann erhebt er die Augen zu meiner Wanduhr, die eben im Begriffe iſt, zu ſchlagen, blickt von ihr auf mich zurück und ſcheint ſein Herz zwiſchen mir und ihr zu theilen. Was mich anbelangt, ſo iſt es nicht zu viel behauptet, wenn ich ſage, daß ich mich gerne von einem meiner armen Glieder trennen wollte, wenn er nur die Stimme der alten Uhr hören könnte.
Von unſern zwei Freunden war der erſte ſein Leben lang einer jener bequemen, wunderlichen Müßig⸗ gänger, von denen die Welt zu ſagen pflegt, ſie ſeyen Niemands Feinde, als ihre eigenen. Für einen Be⸗ ruf erzogen, der nicht für ihn paßte, und in der Ausſicht auf ein Vermögen herangewachſen, das er nie erbte, hatte er alle Wechſelfälle durchgemacht, deren ein ſolches Daſeyn fähig iſt. Er war nebſt ſeinem jüngeren Bruder(da ſie ſchon als Kinder ihre Eltern verloren hatten), von einem reichen Ver⸗ wandten erzogen worden, welcher ſie an den Gedan⸗ ken gewöhnte, daß ſie ſich dereinſt in ſeine Habe theilen dürften; aber zu träge, um dem Vetter den


