David Kopperfield. 55
„Niemals, Herr Wickfield.“
„Es iſt nicht viel obſchon es viel Leiden mit ſich führte. Sie heirathete mich gegen den Willen ihres Vaters, und er verſtieß ſie. Sie bat ihn, ihr zu ver⸗ geben, ehe meine Agnes auf die Welt kam. Er war ein ſehr harter Mann, und ihre Mutter war ſchon lange zuvor geſtorben. Er wies ſie zurück. Er brach ihr das Herz.“
Agnes lehnte ſich auf ſeine Schulter und legte leiſe ihren Arm um ſeinen Hals.
„Sie hatte ein liebevolles und ſanſtes Herz,“ ſagte er,„und es war gebrochen. Ich kannte ſeine zarte Natur ſehr wohl. Niemand könnte ſie kennen, wenn ich's nicht konnte. Sie liebte mich zärtlich, war aber nie glücklich. Sie litt ſtets im Stillen an dieſer Trau⸗ rigkeit, und da ſie um die Zeit, wo ſie zum letzten Male zurückgeſtoßen wurde,— denn es war nicht das erſte Mal— ſchwächlich und niedergeſchlagen war, ſo ſiechte ſie dahin und ſtarb. Sie hinterließ mir Agnes, zwei Wochen alt, und das graue Haar, mit dem Sie mich, wie Sie ſich erinnern, ſchon antrafen, als Sie zuerſt hierher kamen.“
Er küßte Agnes auf ihre Wange.
„Meine Liebe zu meinem theuren Kinde war eine krankhafte Liebe, aber mein ganzes Gemüth war da⸗ mals krank. Ich ſage davon nichts mehr. Ich will nicht von mir ſelbſt ſprechen, Trotwood, ſondern von ihrer Mutter und von ihr. Wenn ich Ihnen irgend einen Aufſchluß gebe über das, was ich bin oder ge⸗ weſen bin, ſo weiß ich, daß Sie ſich zurechtfinden wer⸗ den darin. Was Agnes iſt, brauche ich Ihnen nicht zu ſagen. Ich habe ſtets etwas von der Geſchichte ihrer armen Mutter in ihrem Charakter geleſen, und ſo er⸗


