Teil eines Werkes 
10. Theil (1850)
Entstehung
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David Kopperfield.

lange an einer Stelle aufgehalten. Ich hatte keinen Zweck gehabt und nirgendwo eine Seele, die mich ge⸗ tröſtet hätte.

Ich war in der Schweiz. Ich war aus Italien gekommen über einen der großen Alpenpäſſe, und war ſeitdem mit einem Führer auf den Seitenpfaden der Berge gewandert. Ob dieſe furchtbaren Einöden zu meinem Herzen geſprochen hatten, wußte ich nicht. Ich hatte Erhabenheit und Staunenswürdigkeit gefunden in den grauſigen Felsgipfeln und Abgründen, in den brül⸗ lenden Sturzwaſſern und den Wüſten von Eis und Schnee, aber bis jetzt hatten ſie mich noch nichts An⸗ deres gelehrt.

Ich kam eines Abends vor Sonnenuntergang in ein Thal hinab, wo ich Nachtquartier machen wollte. Während ich auf dem gewundenen Pfade an der Seite des Berges, von dem ich es in der Ferne drunten glän⸗ zen ſah, in daſſelbe hinabſtieg, zog ein gewiſſes mildes Gefühl, erweckt durch ſeinen Frieden, leiſe in meine Bruſt ein. Ich erinnere mich, ein Mal ſtehen geblie⸗ ben zu ſein, die Bruſt mit einer Art Gram erfüllt, welcher nicht durchaus erdrückend, nicht ganz verzweif⸗ lungsvoll war. Ich erinnere mich, beinahe der Hoff⸗ nung Raum gegeben zu haben, daß eine Aenderung zum Beſſern in mir noch möglich ſei.

Ich kam in das Thal, als die Abendſonne auf die entfernten Schneegipfel ſchien, welche es gleich ewigen Wolken einſchloſſen. Der Fuß der Berge, welche die Vertiefung bildeten, in der das kleine Dorf lag, war mit reichem Grün bedeckt, und hoch über dieſem mil⸗ dern Pflanzenwuchs ragten Forſten von dunklen Föhren, welche die winterliche Schneefläche keilartig durchſpalteten und ſich den Lawinen entgegenſtemmten. Ueber dieſen