Teil eines Werkes 
1./2. Th. (1844)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

7

ihrer Geſundheit, und um ihren Reizen die Krone aufzuſetzen, ſchienen die Grazien ihre Blicke, die Bewegungen ihrer Lippen und ihres Kopfes zu lenken; ihr Wuchs entſprach der Schönheit ihres Geſichts, und ihre Arme, ihre Hände, ihre Haltung und ihr Gang ließen nichts zu wünſchen übrig und gaben das anmuthigſte Bild.

Man begreift, daß eine ſo begabte Frau an dem galanteſten Hofe der Welt den Verleumdungen ihrer Nebenbuhlerinnen nicht entgehen konnte; doch dieſe Verleumdungen blieben immer ohne Wirkung, da die Marquiſe, ſelbſt in Abweſenheit ihres Gatten, das anſtändigſte Betragen beobachtete. Ihr kaltes, ernſtes Geſpräch, cher kurz und gehalten, als lebhaft und glänzend, ſtand mit der launenhaften, leichtſinnigen und phantaſtiſchen Unterhaltungsweiſe der Schöngeiſter dieſer Zeit im Widerſpruch, und ſo kam es, daß Diejenigen, welche mit ihren Eroberungsplänen auf ſie zurückge⸗ wieſen worden waren und doch ſich ſelbſt die Schuld ihres Miß⸗ lingens nicht beimeſſen wollten, das Gerücht zu verbreiten ſuchten, die Marquiſe ſei nur ein ſchönes Götzenbild und kalt wie ein Stein. Das Alles hörte ſich recht gut an und ließ ſich wohl wiederholen, ſo lange dieſe Dame abweſend war, doch ſobald ſie in einem Salon erſchien, ſobald ihre ſchönen Augen und ihr ſanf⸗ tes Lächeln auf unausſprechliche Weiſe die kurzen, verſtändigen Worte begleiteten, die ſie ihren Lippen entfließen ließ, kamen ihre ärgſten Haſſer auf ſie zurück und wurden genöthigt, zu geſtehen, Gott habe noch nichts erſchaffen, was der Vollkommenheit ſo nahe käme.

Sie genoß alſo eines Triumphs, dem die Spottſucht nichts anhaben konnte und den die Verleumdungen vergeblich zu beflecken ſuchten, als man plötzlich den Schiffbruch der franzöſiſchen Galeeren in der ſiciliſchen Meerenge und den Tod des Marquis von Caſtel⸗ lane, der ſie befehligte, erfuhr. Die Marquiſe zeigte ſich hierbei, wie ſie immer geweſen war, voll Frömmigkeit und Anſtand, und obgleich ſie zu ihrem Gatten, mit dem ſie während ihrer ſieben⸗ jährigen Verheirathung kaum ein Jahr zufammengelebt hatte, keine