David Kopperfield. 151
„Oh, gäbe es eine Nacht oder einen Tag, wo ich nicht daran dächte!“ ſchrie Emilie, und gerade jetzt konnte ich ſie ſehen, wie ſie auf ihren Knieen lag, den Kopf zurückgeworfen, ihr bleiches Antlitz emporgerichtet, ihre Hände krankhaft gefaltet vor ſich hin hielt und ihr Haar ſie umfloß.„Iſt je eine einzige Minute geweſen, ſchla⸗ fend oder wachend, wo mir's nicht vor Augen geſtan⸗ den hätte, ganz wie es in den verlornen Tagen war, wo ich ihm auf immer und ewig den Rücken kehrte. Oh Heimat, meine Heimat! Oh theurer, theurer On⸗ kel, wenn Du je hätteſt Zeuge ſein können von dem entſetzlichen Kummer, den Deine Liebe in mir hervor⸗ rief, als ich vom Guten abfiel, nimmer würdeſt Du mir dieſelbe ſo dauernd gezeigt haben, ſo viel Du ſie auch im Herzen getragen hätteſt, ſondern würdeſt we⸗ nigſtens ein Mal im Leben böſe auf mich geweſen ſein, damit ich mich damit hätte einigermaßen tröſten kön⸗ nen. Ich habe keinen Troſt, gar keinen Troſt auf Er⸗ den; denn ſie waren mir alle ſtets gut!“
Sie fiel auf ihr Geſicht vor der gebieteriſchen Ge⸗ ſtalt auf dem Stuhle und machte eine flehentliche An⸗ ſtrengung, den Saum ihres Kleides zu erfaſſen.
Roſa Dartle ſaß da und blickte auf ſie nieder ſo unbeugſam wie eine Meſſingfigur. Ihre Lippen waren dicht aufeinander gepaßt, als ob ſie wüßte, daß ſie ſehr ſtreng an ſich halten müßte, um— ich ſchreibe, was ich aufrichtig glaube— der Verſuchung nicht nachzu⸗ geben, die ſchöne Geſtalt mit dem Fuße von ſich zu ſtoßen. Ich ſah ſie deutlich, und die ganze Gewalt ihres Geſichts und Charakters ſchien in dieſen Aus⸗ druck zuſammengedrängt.— Wollte er denn gar nicht kommen?
„Die erbärmliche Eitelkeit dieſes Gezüchts!“ ver⸗


