Teil eines Werkes 
3. Theil (1849)
Entstehung
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David Kopperfield. 161

eine Anſtellung beim Gericht zu erhalten, er wird ein Advocat werden und eine Perrücke tragen. Ich bin er⸗ ſtaunt, in ihm einen leutſeligeren Mann und eine weniger imponirende Erſcheinung zu finden, als ich gedachte. Er hat auch die Welt noch nicht in ſchwindelndes Staunen verſetzt; denn ſie geht ihres Weges, ſoviel ich bemerken kann, ganz ruhig weiter, als ob er nie mit ihr zu thun gehabt hätte.

Hier folgt in meiner Erinnerung ein leerer Raum, durch welchen die Krieger der Dichtung und der Geſchichte in ſtattlichen, nie enden wollenden Zügen einherſchreiten und was kommt dann! Ich bin der Klaſſenoberſte jetzt und überblicke die lange Reihe der Knaben unter mir, wobei ich eine herablaſſende Theilnahme für die von ihnen fühle, welche mir den Knaben in's Gedächtniß zurückru⸗ fen, der ich ſelbſt war, als ich zuerſt dorthin kam. Dieſer kleine Burſche ſcheint nicht mehr zu mir zu gehören, ich erinnere mich ſeiner nur als etwas, was ich auf der Straße des Lebens hinter mir zurückgelaſſen als etwas, woran ich eher vorüber gegangen bin, als daß ich es wirklich ge⸗ weſen wäre und denke an ihn ſchier als an irgend einen mir Fremden.

Und das kleine Mädchen, welches ich an jenem erſten Tage in Mr. Wickfields Hauſe ſah, wo iſt ſte? Ebenfalls verſchwunden. An ihrer Statt ſchaltet das vollkommene Ebenbild des Gemäldes in der unteren Stube, kein Eben⸗ bild in Kindesgeſtalt mehr, durch das Haus, und Agnes meine ſüße Schweſter, wie ich ſie in Gedanken nenne, meine Beratherin und Freundin, der gute Engel aller derer, die in das Bereich ihres mildruhigen, guten, ſelbſt⸗ verläugnenden Wirkungskreiſes kommen iſt ein voll⸗

kommen ausgebildetes Weib. David Kopperfield. III. 11