Oliver Twiſt. 41
„Weil ich,« entgegnete das Mädchen,„mein und An⸗ derer Leben in Ihre Hand legen will. Ich bin das Mäd⸗ chen, das den kleinen Oliver zu dem alten Fagin, dem Juden, zurückzog, als er in der Nacht das Haus in Pen⸗ tonville verließ.«
„»Sie?« rief Roſa Maylie.
„Ja, ich, mein Fräulein,« antwortete das Mädchen; vich bin das ſchuldbeladene Geſchöpf, von dem Sie ge⸗ hört haben, das unter Dieben lebt und das, ſo lange meine Augen die Straßen Londons ſahen, nie ein beſſe⸗ res Leben und freundlichere Worte gekannt hat, als dieſe mir gegeben haben, ſo wahr mir Gott helfe! Erſchrecken Sie nicht vor mir. Ich bin jünger, als Sie wohl glau⸗ ben, aber an das Schrecklichſte gewöhnt; die ärmſten Weiber weichen mir aus, wenn ich in den dichtgedräng⸗ ten Straßen gehe.«
„Wie fürchterlich!« rief Roſa, die unwillkürlich noch weiter zurücktrat.
„Danken Sie Gott auf Ihren Knieen, liebes Fräu⸗ lein,« fuhr das Mädchen fort,„daß Sie Freunde hatten, die in Ihrer Kindheit für Sie ſorgten und Sie bewahr⸗ ten; danken Sie Gott, daß Sie nie mitten unter Kälte und Hunger, Trunkenheit und Ausſchweifung und noch Schlimmern waren,— wie ich von meiner Wiege an; wohl darf ich das Wort brauchen, denn die Goſſe war meine Wiege, wie ſie mein Todtenbett ſein wird.«
„Ich bedauere Sie!« ſagte Roſa mit gebrochener Stimme.»Mein Herz blutet bei Ihren Worten.«
»Gott ſegne Sie für dieſe Güte,« entgegnete das Mädchen;»ja, Sie würden mich bedauern, wenn Sie wüßten, was ich bisweilen bin. Ich habe mich wegge⸗ ſtohlen von denen, die mich gewiß ermorden würden, wenn ſie wüßten, daß ich hier war, um Ihnen zu ſagen,


