140 Cinundzwanzigſtes Kapitel.
ich wünſchte deshalb natürlich nichts mehr, als daß ſie ihn heirathen möchte. Aber meine Neugier, ſie zu ſehen, ließ mir keine Ruhe— ſie war ſo ſtark, daß ſie mir zu einem der wenigen Genüſſe wurde, die mir noch übrig waren. Ich machte einige kleine Reiſen und reiſte, bis ich in ihre Ge⸗ ſellſchaft kam und in die Ihrige. Ich glaube, Sie kann⸗ ten Ihren werthen Freund damals noch nicht und er hatte Ihnen noch keinen jener ausgezeichneten Beweiſe der Freund⸗ ſchaft gegeben, mit denen er Sie ſeitdem beſchenkt hat.
In dieſer Geſellſchaft fand ich ein Mädchen, deſſen Stel⸗ lung in verſchiedenen Punkten der meinigen ſo eigenthüm⸗ lich ähnlich war, und in deſſen Charakter ich mit Intereſſe einen anſehnlichen Theil der mir eigenthümlichen Auf⸗ lehnung gegen prahleriſche Gönnerſchaft und Selbſtſucht, die ſich Herzlichkeit, Herablaſſung, Wohlwollen und andere ſchöne Namen beilegen, entdeckte. Auch von ihr hörte ich oft ſagen, ſie habe ein unglückliches Temperament. Da ich recht wohl wußte, was man mit dieſer handlichen Phraſe ſagen wollte und eine Gefährtin brauchte, die wußte, was ich wußte, ſo kam ich auf den Gedanken, einen Verſuch zu machen, das Mädchen aus der Sklaverei und von dem Ge⸗ fühl, Unrecht zu leiden, zu befreien. Ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, daß es mir gelang.
Wir haben ſeit jener Zeit zuſammen gelebt und mein klei⸗ nes Vermögen getheilt.


