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die ganze Haltung der geſpannten Aufmerkſamkeit, welche meine geliebte Mutter annahm— das Alles beurkundete das Wohlgefallen und die Rührung, die ſie empfand. Als aber die Sängerin plötz⸗ lich, nachdem die letzten gutturalen Laute der Onondagoſprache in unſerem Ohre verhallt waren, zur engliſchen Sprache überging, und in derſelben Melodie eine feierlichernſte engliſche Hymne anhub, kurz zwar, aber voll Hoffnung und Frömmigkeit, da ſtürzten mei⸗ ner Mutter und meiner Großmutter die Thränen aus den Augen, und ſelbſt General Littlepage ergriff auf ziemlich verdächtige Weiſe Gelegenheit, ſich zu ſchnauben. Bald ſtarben die Töne dahin, und die köſtliche Melodie war zu Ende.
„In aller Wunder Namen, Mordaunt, wer mag dieſe Nachti⸗ gall ſein?“ fragte mein Vater, denn keine von den Frauen konnte ſprechen.
„Das iſt das Mädchen, Sir, der ich mein Wort und meine
Hand verpfändet habe— das Mädchen, das ich heirathen muß,
oder unverheirathet bleiben.“
„So iſt dieß alſo die Dus Malbone oder Urſula Malbone, von welcher ich ſo viel gehört habe von Priscilla Bayard während der letzten paar Tage,“ ſagte meine Mutter, mit einem Ton und Weſen, wie wenn ihr plötzlich ein Licht aufgegangen wäre über einen Gegenſtand von höchſtem Intereſſe für ſie;„ich mußte wohl Etwas der Art erwarten, wenn die Lobpreiſungen Priscilla's nur zur Hälfte gegründet ſind.“
Niemand hatte eine beſſere Mutter, als die meinige war. Durch und durch eine Lady in Allem, was zu dem Weſen einer ſolchen gehört, war ſie ebenſo auch eine demüthige und fromme Chriſtin. Dennoch ſind Demuth und Frömmigkeit, beſonders die erſtere, in gewiſſen Beziehungen, Sachen der konventionellen An⸗ ſchauungsweiſe. Die Schicklichkeit galt in den Augen meiner beiden Eltern viel, und ich kann nicht ſagen, daß ſie in meinen Augen Nichts gelte. Bei Nichts iſt dieſe Schicklichkeit mehr am
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