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anſchaute; ſein erſter, einziger Blick genügte, ihm Alles zu ſagen, was er zu wiſſen begehrte. Zuerſt nun überzeugte ich mich bald, daß mein Begleiter nicht trank, ein ſeltener Vorzug bei einem rothen Mann, der in der Nähe der Weißen lebt. Das war zu ſchließen aus ſeinem Geſicht, ſeinem Gang und ſeinem ganzen Weſen, wie mir ſchien, neben dem Umſtand, daß er keine Flaſche noch ſonſtiges Gefäß zu trinkbaren Flüſſigkeiten an ſich hatte. Was mir am wenigſten gefiel, war der Umſtand, daß er vollſtändig bewaffnet war, Meſſer, Tomahawk und Büchſe bei ſich führte, und dieſe Inſtru⸗ mente alle in ihrer Art vortrefflich zu ſein ſchienen. Er war jedoch nicht bemalt und trug ein gewöhnliches Calikohemd, was damals die allgemein übliche Tracht ſeines Volkes in der warmen Jahres⸗ zeit war. Das Geſicht hatte den Ausdruck finſterer Strenge, den man ſo allgemein bei rothen Kriegern findet; und da dieſer Mann über die Fünfzig hinaus war, begannen ſeine Züge die gewöhnlichen Spuren ausgeſtandener Strapazen und geleiſteter Kriegsdienſte zu zeigen. Doch war er ein kräftiger, achtbar ausſehender, rother Mann, der allem Anſchein nach gewohnt war, viel unter civiliſirten Menſchen zu leben. Natürlich machte es mir keine ernſtliche Un⸗ ruhe, daß ich auf einen ſolchen Mann geſtoßen war, obgleich wir uns ſo tief im Walde befanden, aber als Soldat konnte ich nicht umhin, zu bedenken, in welchem Nachtheil ich mich nothwendig mit meiner Vogelflinte gegen ſeine Büchſe befinden müßte, falls es ihm einfiele, ſich ſeitab zu wenden und hinter einem Baume hervor auf mich zu ſchießen, um mich damit auszuplündern. Die Tradition berich⸗ tete, daß ſchon ſolche Dinge vorgekommen waren; obgleich im Gan⸗ zen vielleicht der rothe Mann in Amerika ſich als den Ehrlichern und Redlichern bewieſen hat in Vergleichung mit denen, welche ihn überliſtet und unterdrückt haben.
„Was machen alte Häuptling?“ fragte der Indianer plötzlich, ohne auch nur die Augen vom Weg aufzuſchlagen.
„Der alte Häuptling! Meint Ihr Washington, mein Freund?“


