608
bildet die Vollkommenheit des Charakters. Wir haben im Mutter⸗ land ſo wie anderswo täglich Beiſpiete hievon; obwohl es bei unſerm künſtlichen Zuſtand der Geſellſchaft entſchiedenere Eigenſchaften erfor⸗ dert um dem Einfluß der Faſhion zu widerſtehen, wenn nicht wirk⸗ licher Rang in der Geſellſchaft zu Hülfe kemmt, als bei einem natürlicheren Zuſtand der Fall wäre. Was mir, ſo wie den meiſten jungen Männern, zuerſt an Anneke'n auffiel, war die Zartheit ihrer Erſcheinung und ihre Schönheit. Das will ich nicht läugnen. In dieſer Hinſicht haben Eure Amerikanerinnen mich ganz überraſcht. In England ſind wir ſo gewohnt, eine gewiſſe Zartheit der Perſon und Haltung in Verbindung mit hohem Rang zu denken, daß ich, ich will es geſtehen, in New⸗York nicht mit der Erwartung landete, auch nur eine einzige Frau im ganzen Lande zu finden, welche nicht ihrem äußern Weſen nach verhaltnißmäßig plump, und was wir zu ſagen pflegen gemein wäre; aber jetzt muß ich ſagen, daß, abgeſehen von rein konventioneller Feinheit und Schliff ich ebenſo viel ariſtokratiſch ausſehende Frauen unter Euch finde, als wenn ihr eine ganze Menge Herzoginnen hättet. Am allerletzten würde ich mir einfallen laſſen, die amerikaniſcheu Frauen als plump zu bezeich⸗ nen. Es mag ihnen das Benehmen fehlen, in Einem Sinne; es mag ihnen der feine Schliff fehlen in hundert Dingen; es mag ihnen an der Gabe zu ſprechen fehlen, in dem Sinne, den man damit verbindet bei hochgebildeten Perſonen; aber ſelten ſind ſie in der That plump oder gemein, nach unſrem europäiſchen Begriffe dieſer Ausdrücke.“—
„Und auf was zielt dieß Alles, Mr. Bulſtrode?“
„Ha, auf Euren Triumph und meine Niederlage, Corny, na⸗ türlich,“ verſetzte der Major lächelnd.„Was ich meine, iſt dieß: Anneke gehört zu der zweiten Elaſſe, oder, ſie iſt etwas Beſſeres, als wozu Mode und Faſbhion Einen machen können; und Serub iſt das Mittel geweſen, mich zu ruiniren. Sie kümmert ſich nicht um Faſhion, um den herrſchenden Ton, bei einem Schauſpiel, bei einem


