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ſelmo und Gelſomina regungslos. Alles war vorüber und noch ſchien der ganze Vorfall Täuſchung.
„Schafft dieſe Verrückte fort!“ ſagte ein Polizeibeamter, und
deutete auf Gelſomina. Man gehorchte ihm mit venetianiſcher Be⸗ reitwilligkeit. Der Karmeliter athmete kaum. Er ſtarrte die be⸗ wegliche Menge, er ſtarrte die Fenſter des Palaſtes und ſtarrte die Sonne an, die ſo herrlich am Himmel ſtrahlte..
„Du biſt verloren in dieſer Menge,“ ſprach eine Stimme neben ihm leiſe.„Ehrwürdiger Karmeliter, Du wirſtwohlthun mir zu folgen.“
Der Mönch war zu tief gebeugt, um ſich zu beſinnen. Sein Führer brachte ihn, durch manche verborgne Straße, bis zu einem OQuai, wo er ſogleich eine Gondel beſtieg, die nach dem Feſtlande fuhr. Ehe die Sonne im Mittage ſtand, war der in Gedanken verſunkene, zitternde Mönch auf dem Wege nach dem Kirchenſtaate; und in Kurzem im Schloſſe Sant' Agata wohnhaft.
Zur gewöhnlichen Stunde ging die Sonne hinter den Tyroler⸗
Bergen unter, und der Mond kam über dem Lido herauf. Die engen Straßen Venedigs ergoſſen ihre Tauſende wiederum auf die
Plätze. Das ſanfte Licht ſtreifte die ſeltſame Architektur und den ſchwindlig hohen Thurm, und warf einen betrüglichen Glanz auf die Inſelſtadt. 4
Die Portikos erglänzten vom Scheine der Lampen. Die Fröh⸗ lichen lachten, die Unbekümmerten tändelten, die Maskirten verfolgten ihre verſteckten Zwecke; die Balladenſänger und Spaßmacher übten ihre Streiche, und Unzählige gaben ſich dem leeren Ergötzen hin, welches gedankenloſe müßige Leute lieben. Jeder lebte für ſich, und die Staatsmaſchine Venedigs behielt ihren laſtervollen Gang nach wie vor, welcher durch das verwegene Trugſpiel, das er mit heiligen Grundſätzen trieb, die in der Wahrheit und im natürlichen Rechte ihre Wurzel haben, Regierer und Regierte entwürdigte und endlich ins Verderben ſtürzte.
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