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Einunddreißigſtes Kapitel.
Auf— auf— *s iſt unſre Todtenglocke, oder Venedig's. Auf!
Marino Faliero.
Wieder rief der Morgen die Venetianer an ihr Tagewerk. Agenten der Polizei hatten geſchäftig die Stimmung des Volks bearbeitet, und ſobald die Sonne über dem Meere emporſtieg, fingen die Plätze an ſich zu füllen. Da fand ſich der neugierige Bürger ein in Mantel und Mütze, da gafften verwundert barfüßige Arbeitsleute, da kam der vorſichtige bärtige Hebräer in ſeinem weiten Rock, Edelleute zeigten ſich in Masken, und manche aufmerkſame Fremde, von den Tauſenden, welche dieſe Stadt, obgleich der Glanz ihres Handels im Abnehmen war, noch immer beſuchten. Man erzählte einander, daß eine Hand⸗ lung der vergeltenden Gerechtigkeit für die Ruhe der Stadt und die Sicherheit der Bürger gehandhabt werden ſollte. Kurz, Neugier, Müßiggang und Rachluſt im Verein mit den andern Leidenſchaften, die aus ihnen entſpringen, hatten alle, welche der Todesqual eines Mitgeſchöpfs beizuwohnen begehrten, in Menge zuſammengeführt.
Die Dalmatier waren unfern des Meeres dergeſtalt aufmar⸗ ſchirt, daß ſie die beiden Granitſäulen der Piazzetta umgaben. Ihre ernſten ſoldatiſchen Geſichter waren nach innen, den afrikaniſchen Säulen, jenen wohlbekannten Grenzzeichen des Todes, zugekehrt. Einige grimmige Krieger von höherem Range durchſchritten den Raum vor den Truppen, während ein dichtgedrängter Haufe ſich hinter dieſen anſchloß. Aus beſonderer Gunſt hatte man über hun⸗ dert Fiſchern vergönnt, innerhalb des bewaffneten Kreiſes ſich auf⸗ zuſtellen, damit ſie ſehen ſollten, wie ihr Stand gerächt würde. Zwiſchen den hohen Fußgeſtellen des heiligen Theodor und des Flügellöwen befanden ſich Block und Art, ein Tragekorb und Säge⸗


