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Der Bravo : eine venetianische Geschichte / von James Fenimore Cooper. Aus dem Engl. von G. Friedenberg
Entstehung
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Alter und Dein Stand mit ſich bringen, überwinden; furchtlos da⸗ ſtehen und ſprechen vor den Hohen und Gefürchteten?

Ehrwürdiger Karmeliter, ſprech' ich doch täglich ohne Furcht, wenn auch nicht ohne Ehrerbietung zu Einem, der furchtbarer iſt, als irgend Jemand in Venedig.

Der Möͤnch ſah bewundernd auf das ſanfte Weſen, in deſſen Zügen mild die Entſchloſſenheit glühte, welche Unſchuld und Liebe verleihen. Er machte ein Zeichen, ihm zu folgen.

So wollen wir denn, wenn nichts anderes hilft, ſagte er⸗ vor den Stolzeſten und Furchtbarſten der Erde hintreten. Wir wollen unſere Schuldigkeit nicht verſäumen, weder gegen den Be⸗ drücker, noch gegen den Unterdrückten, auf daß keine Unterlaſſungs⸗ ſünde unſer Gewiſſen beſchwere.

Ohne weiteren Aufſchluß zu geben, führte Vater Anſelmo das bereitwillige Mädchen in den Theil des Palaſtes, der als die Privat⸗ wohnung des ſogenannten Oberhauptes der Republik bekannt war.

Geſchichtlich iſt die Eiferſucht der venetianiſchen Patricier, welche den Dogen zu einem Spielzeug in ihren Händen machten, indem ſie ihn, ihrer Regierungsmethode gemäß, zu nichts weiter gebrauchten, als zu einer Prunkfigur bei den impoſanten Ceremonien, die ihr Schein ſuchendes Syſtem erforderte, und bei den Verhandlungen mit dem Auslande. Er wohnte in ſeinem Palaſte wie die Bienen⸗ königin im Stocke, äußerlich geehrt und gepflegt, in Wahrheit aber von Denen abhängig, welche allein die Macht haben zu verletzen, und, gleich demſelben Inſekt, mehr als einen gewöhnlichen Theil von den Früchten des gemeinſamen Fleißes verzehrend.

Vater Anſelmo verſchaffte ſich durch ſeine Entſchloſſenheit und durch die Zuverſichtlichkeit ſeines Benehmens Intritt zu den inneren Gemächern eines Fürſten, der ſo abgeſchloſſen und bewacht lebte.

Mehrere Schildwachen ließen ihn durch, aus ſeinem heiligen Stande und ſeinem gemeſſenen Schritte ſchließend, daß der Moͤnch in ſeinem gewöhnlichen Dienſte herkomme, der ihm ein Vorrecht vor