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ein poſſenhaftes Ausſehen bekam, während auf dem übrigen Theil ſeines wirklich ſchönen griechiſchen Geſichts ein Anflug roher Laune durchblickte.
„Schau doch, Gino;— fordert nicht Dein Herr manchmal ſeine Gondel zwiſchen Sonnenuntergang und Morgen?“
„Eine Eul' iſt nicht wachſamer als er in der letzten Zeit war. Dieſer mein Kopf lag auf keinem Kiſſen ehe die Sonne über den Lido heraufkam, nun ſchon ſeit der Schnee ſchmolz von Monſelice.“*
„He? und wenn die Sonne des Angeſichts Deines Herrn unter iſt in ſeinem Palaſte, dann läufſt Du zur Brücke von Rialto,* zu den Juwelieren und Fleiſchern und poſaunſt aus, was er die Nacht durch gethan hat?“
„Diamine! Das wär' die letzte Nacht meines Dienſtes beim Herzog von St. Agata, wäre meine Zunge ſo ſchlüpfrig! Der Gondelier und der Beichtiger, das ſind die beiden Geheimräthe eines Edlen, Meiſter Stefano;'s iſt nur der kleine Unterſchied, daß der letztere bloß weiß, was der Sünder ihm enthüllen will, der erſtere aber weiß manchmal mehr. Da kann ich was Beſſeres thun, als mit meines Herrn Geheimniſſen in den Straßen umherlaufen!“
„Und ich bin auch klüger, als daß ich jeden jüdiſchen Trödler von San Marceo ſollt' in meinen Frachtbrief gucken laſſen!“
„He, alter Freund,'s iſt bei allem dem ein Unterſchied zwiſchen unſer beider Geſchäft. Ein Padrone von einer Feluke kann ſich
„billigerweiſe nicht meſſen mit dem ſo überaus vertrauten Gondelier
* Die einzigen Berge— zoder richtiger Hügel der Lombardei, die ver⸗ muthlich als Golf⸗Inſeln aus dem das jetzige Feſtland bedeckenden Waſſer her⸗ vorragten. Sie ſind dreißig und etliche Meilen von Venedig entfernt, auf dem Wege nach Ferrara.
s* Dieſe berühmte Brücke wird von zwei Budenreihen in drei Gänge ge⸗ theilt. Im mittlern Gange ſind hauptſächlich Goldſchmiede, in den beiden andern Fleiſcher. Der Rialto iſt eine Inſel und die Rialtobrücke, die erſte Venedig’s— führt zu verſelben. Mit dem Rialto des Shakeſpeare iſt ohne Zweifel letztere gemeint, die als eine Art von Börſe diente.


