Erſtes Kapitel.
Hier ragt ein Kerker, dort ein Schloß; es war Venedigs Seufzerbrücke, wo ich ſtand.
Ich ſah Gebäu den Wellen wunderbar Entſteigen, wie durch Zauber hingebannt;
Sah ein Jahrtauſend um mich, das entſchwand. Zurück des Ruhmes Abſchiedslächeln ſchaut
Auf alte Zeit, da manch bezwungnes Land Venedigs Flügellöwen hat vertraut,
Wo's ſeine Macht auf hundert Inſeln hat gebaut.
Byron.
Die Sonne war hinter den Tyroler⸗Alpen verſchwunden und ſchon begann der Mond über die niedere Fläche des Lido heraufzu⸗ ſteigen. Gleich einem Strom, der ſich durch einen engen Kanal in ein geräumiges, ſchäumendes Becken ergießt, zwängten ſich aus den ſchmalen Gaſſen Venedigs Hunderte von Fußgängern hervor nach dem St. Markusplatze. Stolze Cavalieri und gravitätiſche Cittadini, dalmatiſche Krieger und venetianiſche Matroſen, ehrſame Bürger⸗ frauen und Damen von feineren Sitten, Juwelenhändler von Rialto und Kaufleute aus der Levante, Jude, Türke, Chriſt, Reiſender, Abenteurer, Podeſta, Kammerdiener, Advokat und Gondoliere— Alle zogen nach dem einen gemeinſchaftlichen Mittelpunkte der Er⸗ holung. Der geſchäftige und der nachläſſige Blick, der gemeſſene Schritt und das prüfende Auge, Scherz und Gelächter, der Cantatrice Lied und die Melodie der Flöte, die drolligen Geberden eines Luſtig⸗ machers und das tragiſche Zürnen des Improviſators, das gezwungene melancholiſche Lächeln des Harfners und das Geſchrei der Waſſer⸗
Der Bravo. 8 1.


