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Donna Mercedes von Castilien, oder die Entdeckung von Amerika / von J. F. Cooper. Aus dem Engl. von C. Kolb
Entstehung
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wir auch den Verluſt des ſuͤßen Mädchens bedauern müſſen, können wir ihn doch kaum beklagen. Wäre ich nicht Luis de Bo⸗ badilla, Dein Gatte, meine Theure, ſo würde ich ſie eher als einen Gegenſtand des Neides denn als einen Gegenſtand des Mit⸗ leidens betrachten.

Ach, Luis, Deine Schmeichelworte tönen zu angenehm, um getadelt werden zu können, aber ſie ſind kaum ziemlich. Selbſt das Glück, das ich in der Ueberzeugung von Deiner Liebe und in dem Bewußtſeyn fuͤhle, daß unſer Schickſal, unſere Namen und Intereſſen auf's innigſte verbunden ſind iſt in der That nur ein Elend in Vergleichung mit den himmliſchen Freuden der Seli⸗ gen, und wie innig wünſche ich, daß Ozemas Seele zu dieſen Wonnen erhöht worden ſeyn möge.

Zweifle nicht daran, Mercedes! Gewiß iſt ihr Alles geworden, worauf ihre Herzensgüte und Unſchuld Anſpruch machen kann. Ach, wenn ſie ſich nur halb ſo glücklich fühlt, als ich mich fühle, indem ich Dich ſo an meinem Herzen halte, ſo durfen wir ſie nicht beklagen, und Du ſagſt, ſie erfreue ſich oder werde ſich einer zehnmal größeren Seligkeit erfreuen.

Luis Luis ſprich nicht ſo! Wir wollen noch weitere Meſſen für ſie in Sevilla, Burgos und Salamanka leſen laſſen.

Wie Du willſt, meine Liebe. Laß ſie jährlich, monatlich, wöchentlich, für immer oder ſo lange leſen, als es die Geiſtlichen für nöthig halten.

Mercedes lächelte dankbar und die Unterhaltung wurde jetzt weniger peinlich, obgleich ſie fortfuhr, wehmüthig zu ſeyn. Eine Stunde verging in dieſer Weiſe, während welcher das Geſpräch jenen ſüßen Character trug, welcher den Verkehr zärtlich Liebender bezeichnet. Mercedes hatte bereits eine große Gewalt über die un⸗ geſtümen Neigungen und Gefühle ihres Gatten erlangt, und ihn wirklich allmählich, ohne es ſelbſt zu wiſſen, zu dem Manne umge⸗