Jahrgang 
1 (1851)
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547 die Aufſeherin gewiß nicht mehr in ihrer Nähe iich nicht. Ich wäre dem Fräulein nur hinderlich

geduldet. Das Fräulein ſah das ein und wurde ranchmal ganz trübſinnig. Eines Tages hatte ſie an Deinen Vater geſchrieben, ob er denn gar kein Mittel wiſſe, durch welches ſie Beide ſich retten könnten. Der Gefangene antwortete, daß er jeden Augenblick ſich befreien könne, da⸗ für habe er geſorgt. Es käme nur darauf an, daß auch das Fräulein ſich Mittel und Wege verſchaffe, ihre Flucht zu bewerkſtelligen. Von dieſem Tage an ſannen wir Beide, das Fräulein und ich, Tag und Nacht, wie wir es wohl möglich machen könnten, das Fräulein aus dem Schloſſe zu befreien. Das Fräulein, das immer weit klüger war als ich, hatte bald einen Weg gefunden. Sie wurde im Grunde genommen, nicht ſtreng bewacht. Die Fürſtin glaubte es micht nöthig zu haben, weil ſchon die Abgele⸗ genheit des Schloſſes und die Entfernung von allen großen Städten, ſo wie die gänzliche Un⸗ bekanntſchaft des Fräuleins mit der Welt eine Flucht faſt unmöglich machten. Auch ſah ſie faſt täglich einmal im Zimmer des Fräuleins mach, ob dort irgend etwas verdächtig ſei. Außerdem lag das Zimmer des Fräuleins ſehr hoch und ein Sprung aus dem Fenſter war unmöglich. An der Thür ſelbſt aber befand ſich ein ſchweres Schloß, das jeden Abend feſt ver⸗ ſſchloſſen wurde. So glaubte die Fürſtin, einen Fluchtverſuch unmöglich gemacht zu haben. Das Fräulein aber war nicht ſo feig und furchtſam,

als die Fürſtin glaubte.— Sie fragte mich,

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ob ich ihr zur Flucht behülflich ſein wolle, und

üch ſagte von Herzen gern Ja. Darauf ſagte mir das Fräulein, ich ſolle mir ſoviel Stricke zu verſchaffen ſuchen, als ich nur immer finden könne, und dieſe ſolle ich ſo aneinanderknüpfen,

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ſelbſt mit ganz feinen Seidenfäden, wie ich das un machen habe. Es machte mir viele Mühe, und doch wurde es mir leicht, denn für das Fräulein that ich mit Freuden Alles. Manche Thräne aber fiel auf den trockenen Hanf, denn ſetzt wurde es mir erſt recht deutlich, wie ein⸗ ſam und verlaſſen ich mich fühlen würde, wenn Sie hatte freilich ge⸗ ſagt, ich ſollte mit ihr fliehen, aher das wollte

1 daß ſie eine Art Leiter bildeten. Sie zeigte mir

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geweſen, denn ſie wußte ja ſelbſt noch nicht, wohin ſie fliehen wolle. Auch kam es mir zu ſchwer an, das Schloß, auf dem ich geboren und“ wo ich jeden Winkel kannte, zu ver⸗ laſſen. Jedenfalls, meinte das Fräulein, wolle ſie dann ſpäter, wenn ſie ihren Vater und Dich gefunden habe, wiederkommen und mich abholen. Darin willigte ich. Als nun die Strickleiter fertig war, ſchrieb das Fräulein an Deinen Va⸗ ter einen Brief und theilte ihm die Art und Weiſe, wie ſie fliehen wolle, mit. Sie wollte von ihrem Fenſter aus in den Park; dort ſollte ich mit einer Leiter warten und dann wollte ſie über die Mauer in's Freie. Sie fragte ihn, wann er zu fliehen gedenke und wo ſie ihn tref⸗ fen könne. Er antwortete, ſie möge nur Tag und Stunde beſtimmen. Schon in der erſten Zeit ſeiner Gefangenſchaft habe er mit unſäg⸗ licher Mühe einen der großen Steine in ſeinem Gewölbe ausgebrochen und da er wußte, daß ſein Gefängniß dicht an der Grenzmauer des Schloſſes lag, verſucht, ſich einen Gang auszu⸗ höhlen, der ihn ins Freie führe. Es ſei ihm gelungen. Er brauche nur noch einen halben Tag Arbeit, um ſich vollends bis über die Erde emporzuarbeiten. Sie würde ihn auf der lin⸗ ken Seite des Schloſſes an der Mauer des Par⸗ kes treffen. Nur möge ſie nicht über ſeinen Anblick erſchrecken. Seit Jahren trage er nun dieſelbe Kleidung und nie ſei während ſeiner Gefangenſchaft ein Scheermeſſer weder an ſein Haar noch an ſeinen Bart gekommen. Er würde alſo wie ein Wilder ausſehen. Das Fräulein beſtimmte die nächſtfolgende Nacht zur Flucht.

Es war der letzte Brief, den ich in die Ritze

der Schüſſel ſchob, die ich ſelbſt geſchnitzt hatte. Der Herbſt war ſchon herangekommen; die Nächte waren länger geworden. Frühmorgens am Tage der Flucht trug ich die Strickleiter in das Zim⸗ mer des Fräuleins. Sie verbarg ſie in ihrem Bett, weinte und herzte und küßte mich. Schon ein Paar Tage vorher hatte ich eine hohe Lei⸗ ter nach dem Park geſchafft und dort verborgen. Ich ſchlief damals mit mehreren Mägden zuſam⸗ men im Souterrain des Schloſſes. Die nied⸗ rigen Fenſter gingen nach dem Park hinaus.

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