I.
Die zwei Hirten.
Um das Jahr 1360 lag noch zwiſchen den Dörfern Wyneghem und Santhoven, drei Stunden von Antwerpen, ein wüſter und dunkler Wald. Die Eiche, der Gott der nordiſchen Wälder, ſchoß ihre ſtolze Krone gen Himmelz der treue Epheu klammerte ſich in Liebeskränzen üppig um ſeinen rauhen Stamm, während die duftigen Blumenkelche des Geisbluttes ſeinen breiten Fuß als mit goldenem Kleide ſchmückten. Kinder Einer Mutter grünten dort gleichfalls: die Buche mit ihren glänzenden Blättern, die Birke mit ſilbernem Stamme, die zitternde Pappel und die zartere Trauerweide, die wie eine trauernde Jungfrau ſich mit ihrem hängenden Laube über die Seen beugte.
Am Ende des Waldes war Alles lieblich: da ſchoß der Brombeerſtrauch ſeine purpurnen Ranken von Stamm zu Stamm, und wob einen undurchdringlichen Schleier, an deſſen Fuß Schlüſſelblume und Maßliebchen wie verlorene Perlen glänzten.
Aber tiefer in dieſer einſamen und wüſten Schöp fung änderte ſich Alles:— der Boden ſchien die Zeichen einer Naturumwälzung an ſich zu tragen. Da und dort erhoben ſich nackte Sanddünen; zerſtreute Moräſte und gährende Sümpfe zerſtörten halb verrottete Stämme entwurzelter
Hugo von Craenhove. 1


