269
nige, was ſie beſaß, kaum für ihre eigenen Bedürfniſſe ausreichte, ſo ſehr ſie ſich auch einſchränkte; ſie hätte am wenigſten helfen können, wenn es bei den Kunſtjüngerinnen zum Fehlen kam, eher hätte ſie wohl ſelbſt noch in die Lage kommen können, fremde Unterſtützungen anzunehmen.
Es waren den beiden Künſtlerinnen viele Anerbieten gemacht worden, auf dem römiſchen Haupttheater eine feſte Anſtellung zu nehmen, eben ſo hatten ſie durch Vermittelung einer hochgeſtellten Familie aus Neapel, die zum Beſuch in Rom geweſen war, die Ein⸗ ladung erhalten, auf der berühmten Bühne von San Carlo zu ſpie⸗ len und dort ſich niederzulaſſen.
Eugenie und Louiſe waren zweifelhaft, was ſie wählen ſollten; Rom mit ſeinen großartigen Erinnerungen, mit ſeiner Liebe für ſchöne Künſte zog ſie an, denn hier fand das ſtatt, was in den nördlichen Staaten Europas faſt für ein Verbrechen gilt: Glieder der angeſehen⸗ ſten Familien, ſelbſt der Fürſtenfamilien— die in Italien freilich häufig genug zu finden und oft dabei in finanzieller Hinſicht traurig genug geſtellt ſind— in Concerten und auf Theatern auftreten zu ſehen, ohne daß irgend Jemand darin etwas Außerordentliches gefun⸗ den hätte.— Von Neapel hatten ſie aber auch ſo viel Angenehmes gehört, vorzüglich in Bezug auf die paradieſiſche Gegend, die Lage der Stadt an dem ewig blauſchimmernden Golf mit ſeinen köſtlichen Inſeln und Plätzen, die gleich reizend faſt nirgends mehr auf der Erde angetroffen werden.
Louiſe ſtimmte für Neapel, da ſie hoffte, dort würden ſie von dem zudringlichen Benedetto, deſſen Begegnung ihrer Freundin Schrecken eingeflößt, ſicher ſein. Sie hatten ihn zwar ſeit langer Zeit nicht geſehen, doch fürchteten ſie immer, ihn wieder unerwartet vor ſich auftauchen zu ſehen.
Eugenie hatte ihrer Freundin erſt beigeſtimmt, aber merkwür⸗ diger Weiſe ihre Meinung bald dahin geändert, daß ſie eiaſtweilen noch in Rom bleiben wollten, wenigſtens ſo lange, bis Mercedes be⸗ ſtimmte Nachricht von ihrem Sohne erhalten habe.
„Vielleicht blüht uns in Rom auch noch das Glück,“ ſagte Louiſe. „Aber freilich dürfen ſolche Schatten nicht darauf fallen, wie in jener Nacht in dem Coliſſeum an die Wand fielen. Ich denke noch mit geheimem Schauder daran.“


